Durch Heirat strandete eine französische Künstlerin in Basel. Nachdem sie über die hiesige Reserviertheit geklagt hatte und ihre sozialen Kontaktnahmen unbefriedigend verlaufen waren, schloss sie sich der Massenverehrung eines indischen Mutterersatzes an. Heute weiß sie, wer sie bedingungslos liebt und was sie tun soll. Ob verreisen oder eine unters Bett gekrochene Maus fangen, stets fragt sie ihren weiblichen Guru um Rat. Und die Antwort kommt aus einer Entfernung von Tausenden von Kilometern angeflogen. Für andere Aktivitäten ist diese Bürgerin verloren. Um empfänglich für Heilslehren zu sein, braucht man keinen Migrationshintergrund, aber die von Nietzsche propagierte "Umwertung aller Werte", die sich in der Fremde von selbst einstellt, begünstigt solche Wahlzugehörigkeiten.

Ein osteuropäischer Musiker spielte Geige bei Festen, trank und aß erlesene Speisen. Er wurde als Exot herumgereicht. Für ihn waren diese gesittet geselligen Abendgesellschaften wunderbar sonderbar. Doch Freunde fand er keine. Feindselig schaut er heute der Zuwanderung aus der Dritten Welt zu. Jene, die die Fremdheit sichtbar auf der Haut tragen, erinnern ihn an sein eigenes Drama. Er geht nur noch nachts hinaus, und tagsüber durchstöbert er im Internet muttersprachliche Foren nach Verschwörungstheorien. Seine Jugend in der damaligen Diktatur erscheint ihm rosig, die Zukunft düster. Die Emigration behaut die Form des Charakters. In der Fremde, ohne die umhüllende Gemeinschaft, ist man nackt.

Eine Menschenrechtlerin, die sich gegen den Krieg in ihrer Heimat engagiert hat und deswegen verfolgt wurde, sagt über das Alpengastland resigniert, dass die Fremden hier stets unerwünscht bleiben würden, da sei nichts zu machen. "Eine großartige Demokratie, aber nicht für uns." Das meint eine Aktivistin, die doch weiß, dass wir alle es sind, die die Welt gestalten. Sie spricht stundenlang über Skype mit ihren zurückgelassenen Verwandten. Hinauskatapultiert in die Welt, fließt die Energie ins Private. Natürlich gibt es genug Alteingesessene, die ebenfalls nur das Wohl ihrer Sippe kennen. Doch herrschte in ihrem Land nicht ein Unrechtsregime, würde diese Frau die dortige politische Kultur mitprägen. Touristen, die in zwei Tagen die Schweiz absolvieren, wissen mehr über die Eidgenossenschaft als sie. Ein Tourist ist per se offen, ein Flüchtling ins eigene Schicksal gekehrt.

Was ist also diese multikulturelle Gesellschaft? Wer partizipiert daran? Etwa diese Desperados, die sich dank Skype obsessiv an nahe gerückte, vertraute Gesichter klammern? Skype ist das Hätschelkind der Einwanderung, ein regressives Antiintegrationsmedium. Ein anderer Kräfteanzapfer ist der Gang in die Onkologie, Rheumatologie, Psychiatrie, zur IV-Abklärung. Die Krankheit wird zur trauten Heimat in der verunsichernden Fremde, sie bietet einen einfachen, wenn auch schmerzhaften Ausweg. Ja, auch Einheimische werden krank. Doch in der Isolation gedeiht das Weh besonders.

"Machen Sie mich gesund", lautet die naive Forderung an die Medizin. Doch wer von den Leidenden will schon den Vorwand "Schmerz" ablegen und sich trauen, aus vollen Kräften das Wesentliche zu fordern? Wir wollen die gesellschaftlichen Prozesse mitbestimmen. Es braucht Überwindung, um sich gegen die hiesigen Stereotypen über die Fremden hinwegzusetzen, Überwindung, sich für das Jetzt am neuen Ort starkzumachen. Ich spreche aus eigener, ach so langsam gereifter Einsicht. Das Hineinwachsen in eine neue Kulturhaut braucht Zeit. Aber auch Willen und Wagnis und Glauben daran, dass es möglich ist, hier ein erfülltes Leben zu führen. Bei manchen reichen die Lebenszeit und Kraft nicht dafür. Zum Glück gibt es Fata Morganas und Skype.