Wenn es einen europäischen Schriftsteller gibt, dann ist es der Holländer Cees Nooteboom (geboren 1933). Viele Sprachen spricht er, viele Länder kennt er, schon als junger Mann ist er quer durch den Kontinent gereist. Und wenn es einen europäischen Roman gibt, dann ist es das Buch Allerseelen. Es spielt in Berlin, wo der Dokumentarfilmer Arthur Daane mit seiner Kamera den Spuren der Vergangenheit folgt. Er hat die Welt gesehen, die Kriege, die Slums, die verbrannte Erde. Nach Berlin ist er gekommen, weil es keinen anderen Ort gibt, der die Chancen und die Katastrophen der europäischen Geschichte derart sichtbar macht. An jeder Straßenecke, aus jedem Keller, jeder Baulücke sprechen die Toten zu dem, der sie hören kann.

Mit dem Blick des Ethnologen erkundet Daane ein Gelände, das wir zu kennen glauben, aber, sehen und denken wir zusammen mit ihm, in Wahrheit nicht kennen – dank jener Amnesie, für die Daane Verständnis zeigt. Die Zeit vergeht, das Vergessen kommt, Geschichte entsteht. Selbst Wörter wie Berliner Mauer, Vopo und Stasi sind erklärungsbedürftig: "So etwas konnte man schon jetzt nicht mehr erklären. Wer es nicht miterlebt hatte, konnte es nie mehr nachempfinden, und wer es mitgemacht hatte, wollte nichts mehr davon wissen." Aber Daane und seine Freunde reden darüber, abends in den Kneipen und Wohnungen. Sie reden über Gott und die Welt, über Nietzsche und Saumagen, Blutwurst und Hegel, sie trinken und faseln, werden sentimental und frivol. Am Ende schwankt Daane einsam durch die Nacht. Und dann wird die Geschichte plötzlich dramatisch. Eine düstere, eine lodernde Liebe erfasst Daane – zu Elik, dieser geheimnisvollen Frau.

Wie jeder gute Roman ist Allerseelen auch ein Liebesroman. Vom ersten Augenblick an bis zur verwunderten, verwundeten Preisgabe erscheint diese Liebe als ein Fatum. Widerstand ist sinnlos. Am Ende ist klar, dass keiner seiner Geschichte entgeht, seiner eigenen und der seines Landes nicht. Nooteboom zeigt, was es kostet, ihrer Herr zu werden. Fertig wird man nie. Zugleich erzählt er von einer höchst intimen, also einzigartigen, also völlig zufälligen Begegnung zweier Planeten, die aufeinander zurasen. Die Leuchtspur, die sie hinterlassen, gehört ebenso zur Menschheitsgeschichte wie die der ungezählten Toten. Am filigranen, straff gespannten Bogen dieser schwierigen Liebe hängt der Roman wie die Brücke überm Abgrund. Nooteboom ist der selbstverständlich gebildete Citoyen, der es keinem noch so schwierigen Thema gestattet, sich seiner Reflexion zu entziehen. Zwischendrin meldet sich ein Engel über Berlin zu Wort, ein allwissender, aber machtloser Weltgeist, der die seltsamen Wege der Menschen kommentiert: "Eines der Dinge, die wir nicht verstehen können, ist, wie schlecht ihr in euer eigenes Dasein passt." Neben den großartigen Romanen wie Rituale (1985) und Die folgende Geschichte (1991) ist dies Cees Nootebooms stärkstes Buch.