Dubravka Ugrešić

Die in Amsterdam lebende kroatische Schriftstellerin Dubravka Ugrešić brilliert bekanntermaßen durch Scharfsinn und Scharfzüngigkeit. So auch in ihrem neuen Essayband Karaokekultur. Auf rund 400 Seiten betreibt sie Zeitdiagnostik und Kulturkritik, Vergangenheitsbewältigung und Balkan-Bashing, ernst, witzig und polemisch zugleich. Da ist die Rede von Recycling, Remake und Amateurkultur, von "Fanfiction", Handy-Romanen und Big Brother- Shows, Twitter-Technologie und dem "endlosen digitalen Dschungel von Mittelmäßigkeit", von "virtueller und faktischer Souvenirindustrie", von der Ware Literatur und dem Rezipienten als anonymem Mitspieler. Aber auch von polnischen Wasserinstallateuren, von Putins Imagepflege ("Porno Putin") und von Emir Kusturicas künstlichem Serbendorf Drvengrad (Holzstadt), in dem der Filmregisseur als "absoluter Herrscher" antiglobalistisch-nationalistisch ag(it)iert.

Viel auf einmal, zweifellos. Doch Dubravka Ugrešić weiß, wovon sie spricht. Sie surft, twittert, benutzt Facebook und YouTube, was sie nicht hindert, das Internet als "große globale Quatschbude" zu bezeichnen, die jede Suche nach "metaphysischer Nahrung" Lügen straft. "Hätte Marcel Proust mit einer Madeleine vor sich auf dem Computerbildschirm je seine Suche nach der verlorenen Zeit geschrieben?" Leise Nostalgie schwingt in dieser Frage mit, während Ugresić nicht umhinkann, zu konstatieren, die Grenzen zwischen E- und U-Literatur seien längst aufgehoben, ebenso die Unterschiede zwischen guter und schlechter Literatur, weil niemand mehr es wage, diese zu definieren. Tracy Emins "Ich bin Analphabetin – na und?" sei der revolutionäre Slogan des neuen Literaturzeitalters, das ein Zeitalter des Karaoke ist. Das anonyme Ich stellt sich durch Simulationsspiele zur Schau, indem es sich symbolisch an ein Idol annähert. Vorbei die klare Trennung zwischen Original und Kopie, zwischen Profi und Amateur. Für Ugrešić hat sich das Karaoke längst zu einer "Kultur" entwickelt, zu der bizarre Adaptationen aller Art gehören, auch die sogenannten "Quirk-Books", deren Verfasser klassische Literaturwerke mit Elementen der Popkultur mischen. Dass die Buchindustrie freudig auf diesen Zug aufgesprungen ist und der "interventionistischen Neigung potentieller Leser" entgegenkommt, wird von Ugrešić nicht ohne Sarkasmus kommentiert. Wobei ihre stupende Beschlagenheit in Sachen Massenmedienkultur zumindest auf eine heimliche Faszination schließen lässt. Die zahlreichen Beispiele, die sie anführt, stammen vor allem aus der amerikanischen "Fanfiction" und "Slashfiction", doch beschreibt Ugrešić auch "Wiki-Romane" und "Cell Novels" (Handy-Romane) und zitiert aus der 2009 bei Penguin erschienenen Twitteratur: "Die Twitteratur ermöglicht uns, die Literatur der zivilisierten Welt zu bewältigen, wobei sie uns gleichzeitig die Last des Lesens erspart."

Was tun gegen die Trends? Chris Tolworthy hat das Computerspiel Gameplay nach klassischen Romanen der Weltliteratur erfunden. Nach den Elenden von Victor Hugo kommt Dantes Göttliche Komödie dran – als ein "Fantasyspiel über Transformers". Ugrešić vergleicht den Amerikaner mit einem selbst ernannten Literaturlehrer ihrer Jugend und meint lakonisch: "Chris Tolworthy ist dank dem Internet sichtbar, Petar Mitić war, weil ohne Internet, unsichtbar. (...) Mitić brachte mich damals zum Lachen, Tolworthy finde ich heute nicht komisch. Mitić nannte sich einen armen Obdachlosen, der um sein Haus herumstrich. Heute streiche ich selbst um mein ehemaliges Haus, die Literatur. Dort hausen jetzt andere."

Auch Fremdheit ist ein Thema dieses reichhaltigen Essaybandes. Fremdheit angesichts des literarischen Wandels in der Karaokekultur, Fremdheit einer Ausgewanderten mit gekappter Vergangenheit. Ugrešić wird nicht müde, einmal mehr gegen die Nationalismen in Exjugoslawien zu wettern, gegen Geschichtsfälschung, Korruption, Intoleranz. Ausführlich rekonstruiert sie den "Hexenprozess", der ihr und einigen anderen Schriftstellerinnen 1992 in Zagreb gemacht wurde, und rechnet mit jenen ab, die sie denunziert haben. Die Verve ihrer Abrechnung erinnert an den bitteren Furor ihres preisgekrönten Bandes Kultur der Lüge (1995). Ugrešić ist noch heute zum Fürchten, weil sie unerbittlich Klartext redet. Rechthaberisch wirkt sie dabei nie, die Fakten sprechen für sich.

Im Grunde spiegelt Karaokekultur die ganze Bandbreite von Ugrešićs Interessen und Lebenserfahrungen – zwischen Kommunismus, Postkommunismus und Exil, zwischen Schreiben und luzider Beobachtung der rasanten technologischen und anderen Prozesse, die unsere Lebenswelt umpflügen.

Das schlägt sich auch im Ton ihrer Essays nieder, der harsch und melancholisch ist, ironisch und nachdenklich. "Wie geht es weiter?" heißt die allgegenwärtige Frage zwischen den Zeilen. Rosig sind die Aussichten nicht. Zunehmend werden Inhalte durch Bilder verdrängt, die Freiheit verkommt zur "Demokratur" oder zur "totalisierenden Freiheit" der Nachahmung, "auf der Oberfläche der Karaokekultur" blitzt "die Hologrammmaske des Todes" auf.

Am Ende ihres Buches entwirft Dubravka Ugrešić ein Szenario, das uns mit dem Memorystick um den Hals zeigt. "Der Memorystick ist unser leichter Sarkophag, die Seele, die Kapsel, die Seele in der Kapsel. Eines Tages werden wir in das Große Archiv hinauskatapultiert, dort wird uns schon jemand finden und wie einen Flugschreiber öffnen."