So sehen Krisengewinne aus: Im April begann Galtere, ein New Yorker Hedgefonds, mithilfe von Finanzderivaten auf steigende Getreidepreise zu wetten. Die Experten des Fonds hatten die Wetterkapriolen der vergangenen zwölf Monate in den USA genau beobachtet und waren zu dem Schluss gekommen, dass das Klima auch die Ernte gefährden werde – die Konkurrenz setzte damals noch wegen des warmen Frühjahrs auf gute Erträge.

Die Händler von Galtere haben recht behalten. Nach Angaben des US-Landwirtschaftsministeriums wird die Maisernte wegen der extremen Dürre um 17 Prozent unter derjenigen des Jahres 2011 liegen. Zugleich sind die Fonds von Galtere seit Jahresbeginn um rund neun Prozent im Wert gestiegen – und das Unternehmen steht in der Kritik, weil es an den steigenden Lebensmittelpreisen verdient. Zocken auf Kosten der Armen – das ist der Vorwurf, der in diesen Tagen im Raum steht, in denen die Lebensmittelpreise nach oben schießen.

Seit Juni ist Soja etwa 30 Prozent teurer geworden, Mais legte um 50 Prozent zu. Der Welt droht die dritte Hungerkrise innerhalb von fünf Jahren. Nun soll ein eigens eingerichteter Krisenstab der G-20-Staaten seine Arbeit aufnehmen, um Schlimmeres zu verhindern.

Im Jahr 2008 hat die Nahrungskrise nach Angaben der Weltbank rund 100 Millionen Menschen in den Hunger getrieben, vor zwei Jahren waren es rund 50 Millionen. In mehr als 20 Ländern kam es zu gewalttätigen Ausschreitungen. Auch jetzt ist die Lage ernst: In Indien und Russland bedroht ebenfalls Wassermangel die Ernte.

Welche Rolle spielen die Spekulanten?

Die Diagnose ist also klar, umstritten ist, was die Finanzmärkte damit zu tun haben. Im Jahr 2006 wurden nach Schätzungen der Investmentbank Barclays Capital auf den Rohstoffmärkten über spezielle, an der Börse notierte Fonds 90 Milliarden Dollar angelegt, im vergangenen Jahr waren es 400 Milliarden Dollar.

Unklar ist, inwiefern sich das Geld, das in Finanzprodukte wie Rohstofffonds fließt, auch auf die tatsächlich gezahlten Preise für die physisch gehandelte Ware auswirkt. Skeptiker wie der Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman argumentieren, dass der Einfluss gering sei. Traditionell beeinflussten Spekulanten den Preis , indem sie die Ware einlagerten und damit das Angebot verknappten. Wenn die Preise gestiegen seien, verkauften sie mit Gewinn. Durch Finanzwetten ändere sich die zur Verfügung stehende Menge an Mais, Soja oder Getreide nicht. Kritiker halten dem entgegen, dass Landwirte sich am Finanzmarkt orientierten, wenn sie die Preise für ihre Waren festlegten.

Es gibt inzwischen eine Vielzahl von Studien zu dem Thema. Dass Investoren an den Finanzmärkten kurzfristige Schwankungen verstärken können, gilt demnach als wahrscheinlich. Dass sie die Preise dauerhaft beeinflussen, ist bislang nicht bewiesen. Auf Druck der Öffentlichkeit ziehen sich dennoch deutsche Banken aus dem Geschäft mit Agrarspekulationen zurück, zuletzt die Commerzbank . Die Deutsche Bank prüft den Sachverhalt.