Gerade noch stand ich schwitzend in 2000 Meter Höhe auf den Lavafeldern des Ätnas. Jetzt ist es stockdunkel, die Hitze der sizilianischen Sonne ist verflogen. Durch ein kaum meterhohes Loch am Berg habe ich die Grotte Cassone betreten, einen Hohlraum von 250 Meter Tiefe, entstanden aus erkaltender Lava.

Cisco Seminara, ein junger Führer aus Catania, reicht mir Helm und Stirnlampe. Dann laufen wir in die schwarze Tiefe hinein. Unten ist es so kalt, dass ich bald die Hitze vermisse. »Als die Araber Sizilien im 9. Jahrhundert erobert hatten, speicherten sie Schnee in diesen Grotten«, sagt Seminara. »Wenn es wärmer wurde, pressten sie ihn zu Eis und trugen die Blöcke nach Catania und zum Hafen.« So diente der Vulkan, der seiner kochenden Lava wegen gefürchtet war, zugleich als Kühlschrank.

Zurück in der Hitze, schaue ich gleich hoch zum Gipfel. Kein Fitzel Weiß ist zu sehen. Und doch: Mehr als die Hälfte des Jahres ist der 3350 Meter hohe Ätna von einer weiten Schneekappe bedeckt.

Mit dem Auto fahren wir in großen Schleifen hangabwärts, vorbei an kleinen Dörfern, Palmen, Zitronenplantagen. »Im Norden liegt die Riviera di Limone mit Tausenden Zitronenbäumen«, sagt Seminara. »Die Araber fingen damals an, Schnee mit Zitrone und Zucker zu mischen.« Dieses ursprüngliche Rezept, Vorform des Speiseeises, lebt bis heute in der sizilianischen Granita erfolgreich fort. Vor allem an der Costa Orientale, der Ostküste mit ihrem Zentrum Catania , ist die Granita ein alltäglicher, ein unverzichtbarer Genuss.

Catanias zentrale Ader hat ihren Namen vom nahen Vulkan. Die Via Etnea führt ins Herz des Centro Storico, ihre breiten Bürgersteige sind gesäumt von Geschäften und vierstöckigen Barockpalazzi in schmuddeligem Beige. Es ist erst zehn Uhr morgens, aber die Catanesi drücken sich schon in die Häuserschatten, um der Hitze aus dem Weg zu gehen. Die 20 Tischchen vor dem Caffè Spinella sind dicht besetzt. An fast allen wird Granita gegessen, gelöffelt, geschlürft. Granita ist sizilianisches Frühstück, aus Frucht- oder Nussmasse, Zucker, Wasser gemacht. Serviert wird sie in kleinen Glaskelchen, randvoll mit rosa oder grünlichem, weißem oder braunem Eis. Der Herr am Tischchen vor mir ist in die Zeitung vertieft und löffelt seine Granita di Limone fast mechanisch. Der junge Mann hinten mit Anzug und Tattoo am Arm bestellt schon seine zweite Granita di Cioccolato. Und ein großäugiger Junge bekommt von Oma und Opa zur Granita di Mandorla eine dicke Brioche. Granita wird schnell gegessen, fast schon getrunken: Sie schmilzt wie Schnee in der Sonne, und am Schluss löffelt man den kalten Saft um einen eisigen Fruchtkern herum.

Am anderen Ende der Altstadt, im Caffè Europa, bin ich mit Luca Caviezel verabredet, dem Maestro der sizilianischen Gelatieri. Durch enge Gassen voller kleiner Bars und Ristoranti führt der Weg; abends sitzen hier die Studenten. Catania, mit 300.000 Einwohnern Siziliens Nummer zwei nach Palermo, hat eine der größten Universitäten Italiens. Ich laufe unter Balkonen mit Putten, Löwenköpfen und Sphinxen: steinerne Kunst, verborgen hinter dicken Rußschichten. Catania ist eine vernachlässigte, von vielen Touristen ignorierte Schönheit. Mitten auf einer lebhaften Piazza schaue ich plötzlich vier, fünf Meter hinab auf ein teilweise freigelegtes Amphitheater. Der Ätna ist schuld, dass das Straßenniveau heute viel höher liegt. Während seines größten Ausbruchs 1669 ergoss sich die Lava über weite Teile der Stadt. 24 Jahre später legte ein Erdbeben Catania erneut in Schutt und Asche. Kaum etwas aus römischen oder normannischen Tagen überstand die Doppelkatastrophe. Die neue Stadt erhielt im 18. Jahrhundert ein komplett neues, barockes Gesicht. Das trägt sie bis heute.

In Bahnhofsnähe allerdings wird die Szenerie trist: Jüngere, heruntergekommene Hochhausbauten, kaputte Straßen, verwaiste Plätze erinnern an die achtziger und neunziger Jahre, eine Zeit, in der Catania unter dem Einfluss der Mafia stand.

Das hat sich inzwischen geändert, aber vergessen ist es nicht. Auch Luca Caviezel kann davon erzählen. Der 89-Jährige besaß mit der Pasticceria Svizzera Caviezel die größte Eiskonditorei Catanias. »72 Angestellte in der Manufaktur«, erinnert sich der zerbrechliche Mann mit den buschigen Brauen. Dann kamen, wie er vorsichtig sagt, einige Probleme zusammen... Die Mafia verlangte Schutzgeld, Caviezel schloss seine Pasticceria 1995. Ursprünglich hatte er Chemiker werden wollen, nun begann er die Eisherstellung zu erforschen, gründete die erste und bis heute einzige Schule für Gelateria in Sizilien und reiste mit Vorträgen um die Welt.