Es bringt wenig, den 10.000-Meter-Läufer nach seiner 1.000-Meter-Zeit zu beurteilen.Bei der Energiewende, dem erst begonnenen Langfristprojekt der Deutschen, wird das gerade aber so gemacht. Frontale Opposition ist zwar noch immer die Ausnahme. Aber es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht ätzende Kritik laut wird. Langsam beginnt sie zu wirken – und bringt das nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima beschlossene "Gemeinschaftsprojekt" in Misskredit.

Während Deutschland riesige Handelsüberschüsse erzielt, kursieren geradezu abenteuerliche Behauptungen: Der beschleunigte Abschied von der Atomkraft und der Ausbau der erneuerbaren Energien bewirke die Deindustrialisierung des Landes, heißt es zum Beispiel. Wutbürger verhinderten den Bau der notwendigen Stromnetze. Es drohten Blackouts. Ohne Not hätten die Deutschen sich in ein finanzielles Abenteuer gestürzt. Zu allem Übel sorge es für Energiearmut und Ungerechtigkeit – als lägen deren Ursachen nicht in der Einkommensentwicklung begründet.

Langsam verliert das Vorhaben an öffentlichem Rückhalt. Höhere Preise für den Ausbau der erneuerbaren Energien akzeptieren, das will einer aktuellen Umfrage zufolge jedenfalls nur noch knapp jeder Zweite – sicher auch, weil die Verbraucher dauernd hören, dass sie durch die Energiewende finanziell ausbluten würden. Dass die Kosten "aus dem Ruder laufen", wie der deutsche EU-Kommissar Günther Oettinger gerade wissen ließ.

Es stimmt zwar: Ein Spaziergang ist es nicht gerade, die Stromversorgung eines Landes von fossil-nuklearer auf regenerative Basis umzustellen. Es stimmt aber nicht, dass diese Wende unbezahlbar ist. Wer das behauptet, nutzt die Komplexität der Angelegenheit, um das Vorhaben zu diskreditieren. Um es zu kippen.

Jetzt klagen auch noch einige Textilfirmen gegen das Erneuerbare Energien Gesetz (EEG). Die Umlage zur Förderung des grünen Stroms von Sonne, Wind und Co. halten sie für verfassungswidrig. Und sollten sie Erfolg haben, steht die ganze Energiewende infrage.

Tatsächlich ist das Gesetz in Einzelheiten fragwürdig. Berlin muss es deshalb endlich zukunftsfähig machen und allen zeigen: Wir wollen dieses Langfristprojekt durchziehen.

Die gegenwärtige EEG-Förderung war ohnedies nur als Zwischenlösung gedacht, um Solar- und Windstromerzeugern eine Nische zu bieten. Der sind sie inzwischen entwachsen. Sollen sie künftig die erste Geige spielen, muss das Fördersystem angepasst werden.

Damit die modernen Energieformen eine Chance bekamen, musste man sie hoch subventionieren. Nun aber sind sie billiger und effizienter geworden. Sie müssen zur Massenware werden. Dafür braucht Deutschland neue Energieregeln. Die Zeit, sie zu finden, ist knapp.