Wie wir euch sehen – Seite 1

Bernard-Henri Lévy (Frankreich)

Es ist merkwürdig, aber es gelingt mir nicht, an diese Geschichte von der "deutschen Arroganz" zu glauben. Gewiss, es gab idiotische Äußerungen, die manchmal so ausgelegt werden konnten. Kürzlich etwa die des bayerischen Finanzministers Markus Söder, Verfechter eines schonungslosen Rausschmisses Griechenlands aus der Euro-Zone ("Irgendwann muss jeder bei Mama ausziehen, und die Griechen sind jetzt so weit"). Doch nehmen wir die Erklärungen Angela Merkels seit zwei Jahren. Oder diejenigen ihrer wichtigsten Kabinettsmitglieder. Diese Menschen können falsch liegen, natürlich; ihre Austeritätsbesessenheit, diese Obsession des ausgeglichenen Haushalts, die ist vielleicht – ich würde sogar sagen: zweifellos – irrig, und zwar schon in der Analyse. Aber arrogant?

Warum will man Deutschland um jeden Preis in dieser Rolle gefangen halten, in seiner "Vergangenheit, die nicht vergehen will"? Seit dem Historikerstreit vor 25 Jahren oder auch seit der Walser-Affäre vor zwölf Jahren ist viel Wasser den Rhein herabgeflossen. Die deutsche politische Klasse nimmt heute, wie ich finde, diese Fallen der Vergangenheit durchaus bewusster wahr als damals – diese An- und Abwesenheit des Verdrängten, diese Gefahr seiner Wiederkehr und daher die Notwendigkeit, alles zu tun, um es auf Distanz zu halten.

Es gibt eine britische Arroganz. Es gibt auch in den Erklärungen manches französischen Ministers hier und da einen Anflug von Arroganz. Es gibt, und zwar in Griechenland , eine ununterbrochene Drohung mit der Katastrophe, die ebenfalls einer Art Arroganz gleichkommt. Aber dieses Reden von der deutschen Arroganz: Nun, es mag die Leute beruhigen, indem es ihnen erlaubt, ihre alten Klischees wiederzubeleben und sich auf diese Weise eigenen Nachdenkens zu entledigen; mir jedoch scheint es der Wirklichkeit nicht zu entsprechen.

Aus dem Französischen von Gero von Randow

John Banville (Frankreich)

Von allerlei Nöten bedrängt, hungern wir Iren nach Siegen. Deshalb reisten auch viele Tausend irische Fußballenthusiasten jüngst nach Polen zur EM. Zu Beginn des Turniers zeigten eines Morgens die Titelseiten unserer Zeitungen das Foto einer Gruppe irischer Fans, die fröhlich ein Banner hochhielten: "Angela Merkel glaubt, wir arbeiten". Ein guter, frecher Witz – die Einstellung jedoch, die sich dahinter verbirgt, ist bezeichnend.

Die gesamte irische Insel war acht Jahrhunderte lang eine britische Kolonie, die erst 1922 unabhängig wurde. Jedoch herrschte in der jungen Republik weiterhin eine Abneigung gegenüber Großbritannien, jener vorgeblichen Quelle aller Übel, vergangener wie heutiger. Wie konnte man von uns erwarten, erwachsen zu werden, so wurde gefragt, wo doch die große bösartige Mutter noch immer von jenseits der Irischen See her dräut und droht?

Dann traten wir 1973 der EWG bei, wie sie damals noch hieß. Langsam begann sich damit der Schwerpunkt unserer Aufmerksamkeit zu verlagern und zu erweitern. Zunächst bedeutete die Mitgliedschaft wenig mehr als eine Goldmine für unsere Bauern, auf die die Subventionen der EWG wie ein goldener Regen niederprasselten. Geschenktes Geld! In jenen frühen Tagen war Europa in unserer Vorstellung ein mehr oder weniger monolithisches Gebilde, denn wir unterschieden kaum zwischen den Nationen, aus denen die EWG bestand. Wir empfanden eine gewisse Wärme gegenüber Deutschland, das uns schließlich nie bombardiert hatte, bis auf einmal versehentlich. Heute jedoch ist Deutschland nicht mehr die weit entfernte Nation von Qualitätsautoherstellern, sondern hat sich plötzlich als der Finanzverwalter Europas entpuppt, dessen Geldbörse fest geschlossen ist und nur höchst widerwillig geöffnet wird. Mit anderen Worten: Uns ist eine neue Mutter im Osten unserer Insel erwachsen, die strenger ist, als es Großbritannien jemals war. Und Mutti teilt uns jetzt mit, dass es kein Taschengeld mehr gibt, bis wir unser Zimmer aufgeräumt haben. Angela Merkel glaubt, wir arbeiten? Beim Himmel und bei der Hochfinanz: Sie sollte es besser wissen.

Aus dem Englischen von Christiane Behrend

Griechenland, Österreich

Petros Markaris (Griechenland)

Die Armen und die Unterprivilegierten haben für die Reichen keine Sympathien. Das war immer so, die Deutschen müssen damit leben. Andere Reiche fühlen sich auch ganz wohl dabei. Das ist die eine Lesart, die voraussichtlich den Deutschen am besten gefällt. Es gibt eine zweite, die komplizierter ist. Die Deutschen haben vom Euro am meisten profitiert. Es verbreitet sich sogar in Europa das Gerücht, dass die Deutschen als Einzige vom Euro profitiert haben. Sollte das wahr sein, tut man den Deutschen trotzdem unrecht. Denn dieser Erfolg ist weder Zufall noch Privileg. Die Deutschen haben eine florierende Wirtschaft, weil ihre Produkte eine hohe Qualität haben und sehr gefragt sind. Gleichzeitig wissen sie, wie sie ihre Produktionskosten drücken können und konkurrenzfähig bleiben.

Das Problem mit den Deutschen ist, dass sie dieses erfolgreiche wirtschaftliche Rezept auf die Politik übertragen wollen. Die Deutschen wollen Politik mit dem geringsten Kostenaufwand machen. Sie beherrschen das globale Wirtschaftssystem, in ihrem politischen Denken überwiegen aber die nationalen Prioritäten. Nehmen wir als Beispiel die Debatte über den Austritt Griechenlands aus der Euro-Zone. Da hört man fast jeden Tag die Aussage eines deutschen Politikers. Man kann es verstehen. Nächstes Jahr ist Wahljahr in Deutschland, und diese Aussagen haben Wahlkampfpotenzial. Nur ist das nicht das Verhalten von Politikern eines Landes, das eine Führungsmacht in Europa sein will. Zum einen weil sie den Eindruck erwecken, Deutschland allein entscheide, wer in der Euro-Zone bleibt und wer geht. Das hört sich nicht gut an, vor allem in Südeuropa. Zum anderen weil man solche Beschlüsse zur günstigen Zeit einfach durchsetzt, ohne sie vorher auszuposaunen.

Die Deutschen behaupten oft, man solle von ihnen lernen. Das stimmt. Man könnte von den Deutschen über gute Wirtschaftsführung viel lernen. Die Deutschen sollten aber auch von den Amerikanern etwas über Politik lernen. Denn die Amerikaner haben nach dem Zweiten Weltkrieg ganz Europa, allen voran Westdeutschland, auf die Beine geholfen. Sie haben dafür unermesslich viel Geld ausgegeben – als Hilfe und nicht als Kredit. Sie hatten begriffen: Wenn man eine Weltmacht sein will, hat man auch einen Preis dafür zu zahlen. Die Deutschen wollen eine Führungsmacht in Europa sein, aber dafür den kleinstmöglichen Preis zahlen. Eine Führungsposition ohne Preis hat es aber in der Weltpolitik seit dem Zweiten Weltkrieg nicht gegeben, mit Ausnahme der Sowjetunion.

Marlene Streeruwitz (Österreich)

Die europäische Geschichte ist immer schon eine einzige Folge von Staatsbankrotten. Sei es, daß ein Krieg geführt worden war, der die Kassen leerte. Sei es, daß ein Krieg geführt werden mußte, um die Kassen zu füllen. Bezahlt haben immer die "kleinen Leute". Das sind wir. Wir alle. Ein wirtschaftlicher Bürgerkrieg zwischen Norden und Süden beschreibt ja gerade, wie sehr wir das alle sind. Und ja auch immer schon waren. Und. Wenn wir alle unsere Vertretung ziemlich demokratisch in unsere Hauptstädte und nach Brüssel schicken. Wenn wir die Gewaltmonopole unserer Staaten in diesem Verbund eigentlich doch sehr brav respektieren. Aus dieser gelernten Vernunft des Geschichtlichen. Dann haben wir alles an Delegation an unsere Vertretung abgegeben. Das bedeutet, dass in diesem Delegat der Auftrag zu revolutionärem Handeln enthalten ist, wenn das die Umstände erfordern. Und die Umstände erfordern, die Wirtschaft nun in die demokratische Gemeinnützigkeit zu holen. Gemeinnützigkeit ist ein edles Prinzip und kostet nicht gleich das ganze Geld. Es scheint aber. Und da steckt Wien. Da steckt Berlin. Wenn die gute alte Reaction immer noch die Politik grundiert und die Trennung von Staat und Gewinn als Privatsache reactionär nostalgische Lusterfüllung gewährt. Die Regierenden. Sie sollten auf unserer Seite stehen. Wir erwarten kluges Handeln zu unserem Besten. Wenn das ein gemeinnütziger Euro ist. Gerade noch vor dem europäischen Kontinentalbankrott. Dann betrifft das Deutschland ganz besonders. Christliche Politiker und liberale Politiker an der Macht durch Wahl. Wenn die das da vergessen. Weil die Lobbyisten so guten Kaviar spendieren. Oder so. Was sollen wir dann mit unserer demokratischen Bravheit anfangen.

Italien, Niederlande

Roberto Saviano (Italien)

Ich hatte ein Deutschland für jedes Alter. Für mich als kleinen Jungen war es das Deutschland von Rudi Völler und Klinsmanns Blondschopf. Es war Andreas Brehmes Elfmeter bei der WM 1990, der Maradonas Mannschaft nach deren Sieg über die italienische Nationalelf bezwang. Dann war es das Deutschland aus den Erzählungen meines Großvaters, das Land der Konzentrationslager, in die man ihn verschleppte, und der Deutschen, die zu uns nach Caiazzo kamen und ein Massaker anrichteten. Danach war es das Deutschland der italienischen Emigranten in Stuttgart, München und Hamburg, die mich aufforderten, ihrem Beispiel zu folgen, weil "so ein heller Kopf wie du hier sofort Karriere macht". Es war das Deutschland der Wahnsinnstouristinnen, die an die Amalfiküste kamen und von uns umworben wurden wie vom Himmel gefallene nordische Göttinnen; beim Küssen machten sie den ersten Schritt – das hätten unsere Freundinnen im Traum nicht gewagt! Es war das Deutschland der Uni-Stipendien, die man ohne Vitamin B bekam. Das Deutschland der Demokratie, die über die DDR siegt. Das Deutschland, von dem mein Vater behauptete, das Essen sei miserabel, die Frauen fantastisch im Bett (vor allem mit Italienern) und die Menschen, besonders die Bayern, "fast so freundlich wie bei uns im Süden". Für meine Freunde war Deutschland der Staat, in dem alles flutscht, in dem es funktionierende Krankenhäuser, eine zivile Polizei, unverklemmte Paare und hemmungslosen Sex gibt und man gut Restaurants eröffnen kann. Für meine ausgewanderten Verwandten war es das Land, in dem man viel arbeitete und angemessen verdiente, ein bisschen gemobbt wurde, meist unsympathischen und manchmal netten Menschen begegnete und es zu etwas bringen konnte, wenn man ordentlich ranklotzte. Es gibt nicht ein Deutschland, sondern viele.

Und jetzt ist es das Deutschland, das uns helfen soll, das uns bekrittelt, das Europa begraben will; es ist das Deutschland von Frau Merkel, die unser aller Schicksal in der Hand hält. Das alte Vorurteil über ein Land kehrt wieder, über das mindestens genauso viele Oberflächlichkeiten und Stereotype kursieren wie über Italien . Tatsächlich liegt der Fehler darin, in Deutschland nicht Europa, sondern die wirtschaftliche Lunge Europas zu sehen, und auch Deutschland liegt falsch, wenn es das übrige Europa behandelt, als gehörte es nicht zu Europa. Man ist einander verdammt ähnlich, und Deutschland wiederum ist ganz Europa verdammt ähnlich, auch wenn es das nicht wahrhaben will. Deshalb will auch jeder etwas von diesem Land.

In den Stammtischdiskussionen mutiert es wieder zum Schreckgespenst: Merkel-Deutschland "wird uns alle niedermachen" wie ein Heer, das uns entweder retten oder vernichten kann. Und wie alles, das einen rettet oder ins Verderben stürzt, wird es geliebt und gehasst.

Es gibt ein Deutschland, das man im Herzen, und eines, das man im Kopf hat, eines, über das man sich bei Tisch mit Freunden auslässt, und eines, von dem man hofft, es möge existieren. Man kann nicht mehr von einem einzigen Deutschland sprechen, es sind zahlreiche, und jedes steht für eine besondere Idee, für ein eigenes Bild. Jedes Mal, wenn Deutschland meint, sein Schicksal habe nichts mit den Ländern zu tun, die es nicht nur umgeben, sondern es ausmachen, schürt es ein Misstrauen, das den europäischen Geist schwächt und dessen DNA verändert. Das Gleiche passiert, wenn andere europäische Länder meinen, ihre Gesundheit hänge von deutscher Hilfe ab. Deutschland ist zu diesem Widerspruch geworden. Indem es hilft, hilft es sich selbst und schadet sich zugleich. Diesen gordischen Knoten zu durchhauen bedeutet, das Schicksal dieses Landes zu verstehen. Wir Italiener sind Deutschland (auch wenn es nicht so aussieht), und Deutschland ist auch Italien (Aber schmiert es den Deutschen nicht zu sehr aufs Brot!)

Aus dem Italienischen von Verena von Koskull

Leon de Winter (Niederlande)

Ich bin Nachkomme jüdischer Familien, die durch den Zweiten Weltkrieg zerstört wurden, aber Aversionen gegen Deutschland haben meine Eltern mir nie beigebracht. Und als ich mit der deutschen Sprache in Berührung kam, merkte ich, wie gern ich diese deutschen Wörter in den Mund nahm. Ich habe Deutschland bereist und bewundere die Menschen, weil es ihnen gelungen ist, das Starke und Gute an der deutschen Kultur zu neuem Leben zu erwecken, ohne die Altlasten der Geschichte unter den Teppich zu kehren.

Ja, Deutschland ist eine humane und auch mächtige Nation, und es hat das Recht, Europa seinen Willen aufzuerlegen. Was die Griechen den Deutschen derzeit vorwerfen, ist lächerlich. Die Deutschen dürfen mit Fug und Recht ihre eigenen Interessen vertreten, ohne dass sie wegen Verweisen auf den Zweiten Weltkrieg den Kopf einziehen müssten. Der deutsche Erfolg 2012 ist ein Vorbild für viele europäische Länder.

Die Probleme, unter denen Europa heute leidet, sind nicht Deutschland zuzuschreiben, sondern als systemimmanent zu bewerten. Im europäischen Projekt wurden die Qualitäten der Deutschen (sowohl die wirtschaftlichen als auch die kulturellen) den Qualitäten der Griechen gleichgesetzt, womit die Deutschen für die griechische Wirtschaft mitverantwortlich gemacht wurden. Das ist, wie wir jetzt konstatieren können, eine Form von wirtschaftlichem und kulturellem Vandalismus, erdacht und ausgeübt von einer verblendeten supranationalen europäischen Elite.

Je selbstständiger und eigenwilliger Angela Merkel auftritt, desto besser für Europa. Deutschland ist der Motor Europas und wird das nur bleiben, wenn es seine eigenen Interessen vertreten kann und darf. Die gemeinschaftliche Währung ist eine Missgeburt, die Deutschland auf die Dauer aushöhlen wird, wenn nicht strikte Grenzen gezogen werden. Die Deutschen haben mehr als sechzig Jahre nach dem Holocaust ein Land geschaffen, das stolz und selbstbewusst auf seine eigene Fahne schauen darf. Ein Deutschland, für das jeder nüchterne Beobachter nur Bewunderung haben kann. Soll dieses Deutschland doch Europa lenken. Lieber Berlin als Brüssel.

Aus dem Niederländischen von Hanni Ehlers

Spanien, Portugal

Antonio Muñoz Molina (Spanien)

Folgt man den Kommentaren aus berufenem Munde, scheint klar auf der Hand zu liegen, dass die Unnachgiebigkeit, mit der die deutsche Regierung von den schwächsten Ländern der Europäischen Union einen radikalen Sparkurs um jeden Preis einfordert, uns noch weiter in den Ruin treibt. Und auch dass die Trennlinie zwischen verantwortungsbewussten und verschwenderischen Ländern bei Weitem nicht so klar ist, wie es den Anschein hat, schließlich haben die Banken der reichen Länder lange Zeit gut daran verdient, dass sie die Misswirtschaft der aufstrebenden finanziert haben. Mit dem Überfluss an Geld, aus dem sich die Immobilienblase in Spanien speiste, hatte man zuvor die deutsche Wiedervereinigung und das Wachstum der deutschen Wirtschaft bezahlt. Ohne das große Interesse deutscher und britischer Touristen und Rentner an Ferienhäusern in Spanien wäre der spanische Immobilienmarkt für Investoren längst nicht so interessant gewesen. Im Nachhinein lässt sich leicht unken, dass die spanische Wirtschaft schon seit Jahren auf den Bankrott zusteuerte. Doch noch 2007 zählte die spanische Börse zu den lukrativsten Europas, und einige der angesehenen Zeitungen, die uns heute jegliche Kreditwürdigkeit absprechen, verbreiteten einen Optimismus, der einigen wenigen von uns in Spanien schon damals völlig irrational erschien.

Ich will die Verantwortung Spaniens nicht negieren oder herunterspielen. Aber ich habe den Eindruck, dass die deutsche Regierung und die öffentliche Meinung bei aller gerechtfertigten Kritik an der Verantwortungslosigkeit vor den eigenen Verfehlungen nur allzu gern die Augen verschließt.

Doch selbst wenn dies zuträfe, würde es nichts nützen. Und wenn man hundertmal recht hat: Der Schiffbruch wird dadurch nicht leichter. Vielleicht sehen viele Menschen in Deutschland nicht – oder sie wollen es nicht sehen –, dass der oktroyierte Sparkurs die Krise nur verstärkt und die Ungerechtigkeit weiter anwachsen lässt, denn nun sollen genau die Menschen die Zeche zahlen, die die geringste Schuld an dem Desaster haben: die Armen, die Arbeiter, die Rentner, die Angestellten des öffentlichen Dienstes, die mittellosen Kranken, die Einwanderer.

Trotz allem empfinde ich keine Abneigung gegen Deutschland, und ich glaube, das geht vielen Spaniern so. Im Gegenteil: Um aus dem Loch herauszukommen, in dem wir uns befinden, brauchen wir eine kulturelle Revolution; und da können wir, was bestimmte persönliche Fähigkeiten und den Gemeinsinn angeht, von Deutschland lernen: die Liebe zur sorgfältigen Arbeit, Beständigkeit, individuelle Verantwortung, Respekt vor dem Wissen, das Bewusstsein der Existenz von Gemeingütern und gemeinsamen Werten. Wie schon vor Jahren, als mir bereits schwante, dass mein Land trotz der Erfolgswelle auf den Abgrund zusteuerte, bin ich immer noch der Überzeugung, dass wir von den besten Eigenschaften Deutschlands lernen können.

Aus dem Spanischen von Sabine Giersberg

Gonçalo M. Tavares (Portugal)

Ein Kopfschmerz bewirkt, dass du dem oberen Teil deines Körpers Aufmerksamkeit schenkst. Wenn Europa Kopfschmerzen hat, blickt es auf den oberen Teil seiner Anatomie (Norden). Sind die Schmerzen in den Füßen, blickt es nach unten (Süden). Die Schmerzen erzeugen eine andere Betrachtungsweise: intensiver, physiologischer, von innen und nicht von außen kommend. Wir sehen genauer hin, erkennen mehr in dem, was schmerzt. Denn das, was schmerzt, scheint mehr zu leben.

Natürlich gibt es im Körper Organe, die entnommen werden können. Aber wie ist das hier? Kann man ein Organ Europas einfach herausnehmen und wegwerfen? Das Organ Griechenland zum Beispiel, das nicht gut funktioniert? Ist das die Lösung? Aber gibt es etwas, das seine Aufgaben übernimmt?

In gewisser Weise wird Deutschland als Arzt für Europa betrachtet. Als jemand, der zunächst die Diagnose stellt, die Krankheiten ermittelt und anschließend über die medizinischen Verordnungen bestimmt: Welche Medikamente einzunehmen sind und welche Organe diesem kranken Körper, nämlich Europa, schlimmstenfalls entnommen werden müssen. Wir mögen den Arzt, wenn wir spüren, dass wir ohne sein Eingreifen sterben müssten, oder wenn wir merken, dass es seine fachliche Kompetenz ist, die uns rettet. Versteht ein Kranker aber weder die Krankheit noch die medizinischen Verordnungen, versteht er weder das, was ihn töten, noch das, was ihn retten kann, dann können wir nur schwerlich Vertrauen zu diesem Arzt haben und ihn erst recht nicht lieben. Einige Menschen im Süden Europas betrachten Deutschland als den Arzt, der womöglich in einer überstürzten Reaktion das tötet, was er doch allem Anschein nach retten will.

Aus dem Portugiesischen von Marianne Gareis