Je dreister die Lüge, desto bereitwilliger wird sie geglaubt. Je schlichter die Botschaft, desto fanatischer wird sie bejubelt. So hat Massenbeeinflussung früher schon funktioniert, im Jahrhundert der Diktaturen, als die Heilsversprechen mithilfe neuer Propagandamaschinen in die Welt gepustet wurden. Dann brachen die totalitären Paradiese zusammen, doch damit war das totalitäre Denken nicht tot. Jetzt zeigen Netzideologen, dass Demokratie nicht vor Fundamentalismus schützt, denn Freiheits-Tools wie Facebook eignen sich auch hervorragend als Verstärker für freiheitsfeindliche Ideen.

"Bevor die totalitären Bewegungen Macht haben, beschwören sie eine Lügenwelt herauf, die den Bedürfnissen des menschlichen Gemüts besser entspricht als die Wirklichkeit selbst", schreibt Hannah Arendt in ihrem Werk Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft . Der wahre Grund für die Verführungskraft moderner Propaganda war nach Ansicht der Philosophin deren Verlogenheit, aber auch unsere Neigung zur Wirklichkeitsflucht. Die These findet sich nun bei Facebook bestätigt: "Israel gehört zu den weltgrößten Verkäufern von Blutdiamanten", heißt es auf einer der vielen antisemitischen Seiten. Die "Freunde" stimmen dem Klischee vom gierigen und blutrünstigen Juden gern zu – denn Freundschaft unter Fundamentalisten heißt vor allem Feindschaft. Und der Feind wird verteufelt, er darf kein Mensch sein wie du und ich, damit er getötet werden kann – buchstäblich oder mit Worten.

Wie gefährlich sind solche Internetfreunde? Man könnte sagen, dass Fundamentalismus auf Facebook harmlos ist, weil Terroristen – ob sie nun von Judenhass, Islamhass, Demokratiehass getrieben werden – sich kaum in einem offenen Portal zum Mord verabreden. Doch ihre Sympathisanten sammeln sich oft auf Facebook – und zwar so unvorsichtig wie andere Nutzer. Die Grenze zwischen privat und öffentlich, konspirativ und offen zugänglich verschwimmt. Sowohl bei Islamisten wie bei Rechtsradikalen zählen Forscher in Sozialen Netzwerken über 10.000 offene Sympathisanten in Europa. Und nicht nur an sie "senden" die Extremisten.

Man muss die Psychologie der Propaganda kennen, um den Hass zu verstehen, der in den berüchtigten Shitstorms so plötzlich und heftig ausbrechen kann. Nicht jeder Hassausbruch ist antidemokratisch motiviert, aber dem Furor selbst liegt etwas Totalitäres zugrunde: die Sehnsucht nach einfachen Wahrheiten und klaren Fronten.

Wer die Facebook-Seite mit den Blutdiamanten harmlos findet, der war bloß noch nicht auf der Seite "Israel ist Amerikas Hure" (7.666 Personen) oder "Free Palestine" (393.898 Personen). Dieses befreite Palästina soll sich gern vom Jordan bis zum Mittelmeer erstrecken. Mit anderen Worten: Treibt die Juden ins Meer! Netz-Antisemitismus funktioniert nach dem alten Arendtschen Muster: Der Lügner spekuliert auf das Unbehagen seiner "Freunde" an der Wirklichkeit. Argumente gegen die Lügen sind genauso inakzeptabel wie die Wirklichkeit, aus der sie stammen.

Wie mächtig sind 393.898 Freunde, die den Gefällt-mir-Button als Hass-Button benutzen? Wir wissen es noch nicht. Wir wissen nur, was Facebook im Guten bewirken kann, nämlich Revolution, wie eben in den arabischen Ländern. Dieselbe Technik kann aber auch der Befriedigung dessen dienen, was Ludwig Marcuse falsche Bedürfnisse nannte: Herrschaft und Gewalt. Die inhärente Logik von Facebook führt dazu, dass der Einzelne merkt, wie viele andere seine Ansichten teilen. Er ist nicht mehr allein, sondern Teil einer Gruppe, ja einer Bewegung, das macht Bekenntnisse leichter – zur Freiheit ebenso wie zum Zwang. Facebook ist genauso ambivalent wie die alten Medien Zeitung, Radio, Fernsehen, die stets beides sein konnten: Verstärker demokratischer Vielfalt wie repressiver Propaganda.