Am Geld liegt es ausnahmsweise nicht, und auch das Grundgesetz ist nicht schuld. Ginge es nur darum, könnte Angela Merkel die gesetzlichen Nachteile für homosexuelle Paare fast über Nacht verschwinden lassen. Die Kanzlerin muss noch nicht einmal die Wähler fürchten: 80 Prozent der Deutschen und immerhin 71 Prozent der Unionsanhänger finden, dass gleichgeschlechtliche Paare dieselben Steuervorteile genießen sollten wie heterosexuelle Eheleute. Und hat Familienministerin Kristina Schröder nicht recht, wenn sie sagt, dass auch Schwule und Lesben, die auf Dauer füreinander Verantwortung übernehmen, konservative Werte leben?

Ein Teil der CDU sagt Ja, ein anderer Teil sagt Nein, Horst Seehofer sagt beides zugleich, der in der Sache zuständige Finanzminister will keine Reform für Homosexuelle, die FDP hätte sie am liebsten gestern schon, ebenso die Familienministerin. Die Kanzlerin ahnt, was ihr droht, deshalb will sie die Diskussion vertagen. Über die steuerliche Behandlung von gleichgeschlechtlichen Partnerschaften will die Regierung erst entscheiden, wenn das Bundesverfassungsgericht geurteilt hat. Und das soll 2013 sein – im Wahljahr.

Das ist zugleich das Jahr, in dem der Kita-Ausbau klappen sollte, aber aller Voraussicht nach viele Plätze fehlen und viele Eltern den Staat verklagen werden. Es ist auch das Jahr, in dem zum ersten Mal das Betreuungsgeld ausgezahlt werden soll, eine neue Sozialleistung für Eltern, die 70 Prozent der Bürger ablehnen.

Nun liegt das nächste ideologisch aufgeladene Thema auf dem Tisch: die Homo-Ehe. Das Verfassungsgericht hat finanzielle Nachteile für gleichgeschlechtliche Paare mehrfach für unrechtmäßig erklärt. Wahrscheinlich wird das Gericht das auch in Fragen der Einkommensteuer und bei der Unterstützung von Paaren ähnlich sehen.

Selbst wenn in den Regierungsparteien alle applaudieren würden, was nicht zu erwarten ist, wäre Merkel das nächste große Problem nicht los. Denn die Kritik am Ehegattensplitting wirft plötzlich die Frage auf, ob nicht generell die finanzielle Unterstützung von Familien anders gestaltet werden muss als bisher. Sie ist in Deutschland besonders teuer und hat bisher wenig an Geburtenrückgang, Kinderarmut und lückenhaften öffentlichen Betreuungsangeboten geändert.

In der Union gibt es viele Anhänger des sogenannten Familiensplittings, bei dem die Vorteile bei der Steuer stärker von der Kinderzahl als von der Ehe abhängen. In der kommenden Woche wird Paul Kirchhof, Professor für Steuerrecht, Ex-Verfassungsrichter und vor sieben Jahren Kandidat in Merkels Schattenkabinett, für das Familiensplitting werben. Er hat ein Buch geschrieben über Schulden, in dem es auch um Kinder, die Ehe und ihre steuerliche Förderung geht. Es kommt nicht oft vor, dass ein Konservativer wie Kirchhof am selben Gesetz rüttelt wie Schwulen- und Lesbenverbände, die FDP und die gesamte Opposition. Sie alle wollen das in der Adenauer-Zeit eingeführte Ehegattensplitting ändern – aber auf ganz unterschiedliche Weise. FDP und Familienministerin wollen nur Schwule und Lesben besserstellen, andere, wie Kirchhof, stattdessen Großfamilien fördern. Die Opposition will alle Steuervorteile reduzieren und die zusätzlichen Einnahmen für Schulen, Kitas und Erzieher ausgeben. Und dann gibt es noch eine Minderheit, zu der beispielsweise die Jungen Liberalen gehören, die auch größere Gemeinschaften, die füreinander Verantwortung übernehmen, besserstellen wollen. Auch eine Alten-WG könnte dann Ansprüche anmelden.

Das Familiensplitting ist eine alte Forderung der Union. Schon in den achtziger Jahren plädierte Helmut Kohl dafür, später schlossen sich auch Angela Merkel und Wolfgang Schäuble an. Es gab einen Parteitagsbeschluss für das Familiensplitting, 2009 stand es sogar im Regierungsprogramm. Doch würde ein Familiensplitting zusätzlich zum Ehegattensplitting rund zehn Milliarden Euro kosten. Billiger käme es, wenn kinderlose oder ältere Paare weniger Geld bekommen. Aber das halten viele in der Union für falsch – oder für nicht durchsetzbar.

Schwulen und Lesben kann übrigens sehr billig geholfen werden: durch eine Rechtsauskunft. Fast unbemerkt von der Öffentlichkeit – und auch von vielen Betroffenen – haben die Finanzbehörden auf die Urteile zugunsten homosexueller Kläger reagiert. Der Splittingvorteil wird zwar immer noch nicht automatisch gewährt. Er steht aber schwulen und lesbischen Paaren zu, die Widerspruch gegen ihren Steuerbescheid einlegen.