Kite, ladder, world; kite, ladder, world. Krömer murmelt die Wörter vor sich hin wie einen Gedichtanfang. Er steigt in den Tresor hinauf, es folgen ihm: sein Manager, sein Co-Autor, ein Kamerateam, das ihn auf dieser Reise begleitet – und ich, der Mann von der Presse. Krömers Gesicht ist keine komische Regung anzusehen, auch keine Furcht, eher schon gesammelter Ernst: Dies ist alles Teil der Anfahrt, Krömer hat Auftritte vor sich. Man könnte von einer Afghanistan-Tournee reden: Drei Shows wird er hier absolvieren, eine im Headquarter der Nato-Aufbaumission Isaf mitten in Kabul, die zweite im Camp Warehouse am südöstlichen Rand Kabuls und die dritte im Camp Marmal in der nördlichen Wüstenstadt Masar-i-Scharif. Es herrscht schlechte Stimmung in der Truppe, aber ist Krömer der Mann, daran etwas zu ändern? Er ist kein sonniger Komiker, eher ein zerstörerischer, ein Spielverderber. Den Kriegseinsatz der Deutschen befürwortet er nicht. Warum lässt er sich auf all das ein? "Ich will wissen", sagt er, "was die da unten wirklich machen." Angst? "Ja. Aber Angst war immer ein Antrieb."

Der Sattelzug ruckt an, durch ein winziges Fenster sieht man die Stadt vorbeiziehen. An den Straßenrändern stehen verwitterte Container, Märkte siedeln zwischen zerstörten Wohnblocks, winzige Hütten sind mit Folien umwickelt – notdürftiger Schutz gegen den berüchtigten Fäkalienstaub Kabuls. Acht Soldaten umfasst unser Zug. Zwei Dingos begleiten uns, gepanzerte, mit Geschützen bewehrte Panzerfahrzeuge der Bundeswehr, eins bleibt immer hinter uns, das zweite fährt neben uns oder überholt flink, als wolle es uns den Weg bahnen. Dann eine Vollbremsung. Wir stehen im Stau, draußen sind es 40 Grad, hier drin kühle 19 Grad.

Der Muconpers ist ein Produkt der Firma KMW (Krauss-Maffei Wegmann), eine millionenteure Box für hohen Besuch. Nun transportiert sie Krömer, den Mann, der einst in Berlin untertauchte, um dem Wehrdienst zu entgehen, als Stargast der Truppe. Deutschland leistet sich wieder Kampfeinsätze, und dazu gehört offenbar auch Truppenunterhaltung. Die USA machen das seit je im großen Stil, als sei der Krieg nur ein anderes Las Vegas . Anders sieht es bei den Deutschen aus. Deren Stars stehen, um es vorsichtig zu sagen, nicht gerade Schlange, um in die Transall nach Afghanistan zu steigen. Eine Stabsstelle der Bundeswehr in Potsdam sucht Künstler, die zur Reise bereit sind; die Suche ist mühsam, denn Gagen werden nicht bezahlt, und ob die Auftritte der Popularität nützen, ist fraglich. Peter Maffay und Xavier Naidoo gaben in Afghanistan Konzerte, aber sie haben diese Auftritte nicht an die allergrößte Glocke gehängt. Die Schauspieler Ralf Möller und Clemens Schick waren da. Aus dem Feld der Spaßmacher? Wigald Boning und Hans Werner Olm.

Und nun also Krömer, ein Anarchist, der sich dort wohlfühlt, wo es peinlich wird, wo die Dinge demonstrativ nicht gelingen. Er sitzt im Muconpers, hat sich die beiden Sicherheitsgurte kreuzweise um den Leib geschnürt und erfährt, dass er im Fall einer Detonation erst dann aus der Sicherheitsluke im Dach des Transporters kriechen soll, wenn keine andere Option mehr bleibt. Ein Soldat begleitet uns im gekühlten Innenraum, ein gemütsruhiger, bärtiger Saarländer. Man sei, sagt er, hier drin sehr sicher. Zumindest bei Sprengsätzen bis zu 300 Kilo. Was heißt das? Na, bei allem, was über 300 Kilogramm gehe, sagt der Soldat, müsse man sich sowieso keine Sorgen mehr machen, einer solchen Ladung halte auch kein Panzer stand. Wir erfahren, dass die Aufständischen immer häufiger Sprengladungen von bis zu 500 Kilo einsetzen. Den Rest der Fahrt verbringen wir schweigend.

Wir erreichen das Isaf-Hauptquartier, Karsais Palast ist nicht weit. Der Weg ins Innere ist verschlungen: Drehkreuze, labyrinthische Korridore, Sprengstoffhunde – es ist, als hätte man fünf Flughafensicherheitsschleusen hintereinandergeschaltet. Je weiter wir hineingehen, desto mehr haben wir den Eindruck, nie mehr hinauszukönnen. Das Hauptquartier ist wie ein innerstädtischer Panikraum, und es scheint einem wie Wahnsinn, diese Sicherheit wieder aufzugeben.

Innen ist das Headquarter unspektakulär, ein Weltdorf aus Containern, auf eine ehemalige britische Sportanlage gepflanzt. 2200 Menschen aus 51 Nationen arrangieren sich auf einem Gelände, das in seinen Ausmaßen dem einer mittleren Campus-Uni ähnelt. Alkohol ist verboten, Sport wird exzessiv getrieben. Die deutschen Soldaten empfangen Krömer auf der Dachterrasse ihres Gemeinschaftshauses, hier sehen sie am Wochenende die Fußballspiele der Bundesliga auf einer Leinwand, hier feiern sie das "Oktoberfest".

Beiläufig wird erzählt, wie gefährlich der Ort ist, an dem wir hier sind: Am 15. April gab es den letzten großen Angriff aufs Headquarter und davor einen im Herbst 2011: Dort hinten, in dem Hochhausrohbau, hätten sich zehn Aufständische verschanzt und aufs Gelände gefeuert. 27 Stunden habe das Gefecht gedauert. Ein Mann vom Militärischen Abschirmdienst sagt uns, es würden etwa 100 Selbstmordattentäter in der Stadt vermutet, man warte auf den big bang, der aber erstaunlicherweise nicht komme.