Ein Film, bei dessen Hauptfigur es sich um ein Sexobjekt handelt, egal, ob männlich oder weiblich, lässt ziemlich früh den Umgang mit dem Pornografierisiko erahnen, das diese Geschichte latent mit sich bringt. Pornografie entscheidet sich ja nicht an der Menge, auch nicht an der Intimität enthüllten Fleisches, sondern – was ebenfalls für beide Geschlechter gilt – an der inszenatorischen Funktion, an der Begründung der Enthüllung. Letzten Endes also am Verhältnis von Charakter- und Körperdarstellung jener Figur, die sich mehr oder weniger unbekleidet zur Schau stellt.

Das tut Mike. Mike ist dreißig Jahre alt, in den Hüften beweglicher, als Elvis Presley es je war, im Nacken hoch rasiert wie ein Marine und alles in allem ein grundsympathischer Typ. Tagsüber geht Mike diversen beruflichen Tätigkeiten und geschäftlichen Projekten nach. Nachts aber ist Mike der Star einer männlichen Strippertruppe, die im Xquisite auftritt, einem Nachtclub in Tampa an der Küste Floridas, und dort ihr selbstredend durchweg weibliches Publikum zum Kreischen und zum Austeilen von Dollarscheinen bringt. Stripperinnen und weibliche Strip-Einlagen sind gewohnter Kinoalltag. Stripper eher die Ausnahme. Und Steven Soderbergh macht sich mit Verve, spürbarer Begeisterung, sichtbarer Sorgfalt und mit schlagendem Erfolg an das Pionierunternehmen, Männer aus Feuerwehruniformen und Trenchcoats bis auf den nackten Po zu entblättern.

Magic Mike, sein inzwischen 26. Film, mag in der zweiten Hälfte gewisse Drehbuchschwächen haben. Aber die Bühnenshows der Jungs, die ganz spezielle Mischung aus parodistischem Klamauk und viriler sexiness, aus höchst respektabler Choreografie und Stringtanga-Anmache, sind eine Glanzleistung. Die Milieusicherheit des Films ist wohl Channing Tatum zu verdanken, dem Darsteller von Mike. Als junger, erfolgloser Schauspieler arbeitete er selbst, sagt er zumindest, ein paar Monate lang als Stripper. Auf Tatum geht wohl auch die Filmidee zurück, und vermutlich brauchte er keine fünf Minuten, um Soderbergh auf das ziemlich unerforschte Sujet neugierig zu machen. Wenn irgendjemand die Atmosphäre, das derbe Kumpelgehabe und den infantilen Spaß von Männerbanden, Männerensembles auf die Leinwand bringen kann, dann ist das wohl Soderbergh, auch Regisseur des Ocean -Dreiteilers.

Bei Magic Mike will Steven Soderbergh nun allerdings ein bisschen mehr als Kumpelspaß auf Komödienniveau. Er will vom Ernst des Lebens eines Mannes erzählen, der über die biografische Experimentierphase hinaus gutes Geld damit verdient, vor College-Girls die Hosen runterzulassen. Er baut Mike zum vielschichtigen, vielseitigen, zum gleichsam vollwertigen Charakter aus, was dem Film als antipornografische Strategie erst mal zugutekommt. Mikes elastische Hüften nehmen keineswegs mehr Raum ein als seine elastische Persönlichkeit. Er wird, wie es einem glaubwürdigen Charakterdrama zukommt, als Mensch mit Widersprüchen in die Geschichte eingeführt, nicht als Mann mit Knackarsch. In der ersten Szene erwacht Mike neben zwei Frauen, von denen ihm nur eine namentlich bekannt ist, was auf eine gewisse Haltlosigkeit der Lebensführung hindeutet. Eine Stunde und ein paar Szenen später steht er als Dachdecker auf dem First eines Hauses und liefert den bildlichen Beweis seiner nicht zu unterschätzenden Stabilität.

Auf der Baustelle findet auch die Begegnung statt, aus der sich der Plot entwickelt. Mike trifft den achtzehnjährigen Adam und in ihm das Spiegelbild seiner Vergangenheit als junger orientierungs- und mittelloser, für eine Stripperkarriere optisch geeigneter Typ. Er nimmt Adam ins Xquisite mit, der unbeholfene Novize landet eher zufällig auf der Bühne und beginnt, sich auszuziehen, wie man sich normalerweise halt auszieht: erst das T-Shirt, dann die Jeans und irgendwann die Socken. Die Frauen im Publikum halten die Amateurnummer für Absicht. Sie flippen aus, und der Moment, in dem Adam diese Wirkung spürt, macht ihn zum Profi. Am Ende der Geschichte wird er Mike als Star der Truppe ablösen und Mike sich loslösen von dem Job, der eben doch kein Job wie jeder andere ist, sondern eine kleine Höllenfahrt durch den Kreisverkehr von Drogen, Sex, Lügen, Geld und verbrauchten Seelen.

Mike schafft den Sprung ins Helle. Es hat den Namen Brooke und das schöne, spröde Gesicht von Adams Schwester. Mit dem ersten Blick- und Wortwechsel legt das Drehbuch die Liebesgeschichte, die sich zwischen Schmuddel-Mike und Sauber-Brooke entspinnt, auf eine moralische Läuterung fest. Und von da an ist das Happy End absehbar. Der Weg dorthin beansprucht ziemlich viel Handlung und ziemlich viele Dialoge zum Thema Lebenssinn, Lebensstil und Identität.

Damit rutscht der Plot ins doch recht konventionelle Genremuster der Lovestory mit Hindernissen. Und er gerät zunehmend in Konkurrenz zum Genre der Milieustudie, als die Magic Mike eigentlich angelegt ist, mitsamt ihren wunderbaren Nebenfiguren – allen voran Dallas, der Geschäftsführer der Strippertruppe, den Matthew McConaughey hervorragend als Vexierfigur des abhalfternden Dominators verkörpert. Sie tendieren im Lauf des Films immer mehr zum Beiwerk, zur inszenatorischen Beilage der zentralen Charakterstudie. Vermutlich ist dies ganz einfach der Preis dafür, dass Magic Mike es sich zum Ziel setzt, einen Stripper von der Seelenseite her zu entblättern – aber letzten Endes ein kleiner Preis. Was die Kings von Tampa auf der Bühne anstellen, sollte man sich trotzdem anschauen.