Lieber Oliver Bierhoff, Sie sind Manager der Fußballnationalmannschaft, und Ihre Worte haben in Deutschland Gewicht. In diesen Tagen haben Sie sich von Ihrem langjährigen Pressesprecher Harald Stenger (61) getrennt. Sie haben Herrn Stenger, dem sich die hessischen Lachfalten lustig ins Gesicht gegraben haben, kurz und kühl Tschüss gesagt und ihm nachgerufen, man freue sich nun auf ein »junges, frisches Gesicht«. Lieber Herr Bierhoff, vor 26 Jahren haben Sie mit jungem, frischem Gesicht in der alternden Stadt Essen Ihr Abitur gemacht. Gewiss haben Sie auf dem Humboldt-Gymnasium gelernt, dass in der klassischen Antike das Alter in hohem Ansehen stand. Damals lebten Philosophen wie Platon oder Aristoteles. Schon mal von ihnen gehört? Die beiden Promis bildeten die geistige Doppelspitze der antiken Welt. Platons Trainer hieß übrigens Sokrates – mit »k« geschrieben! –, seinerzeit ein junges, frisches Gesicht, das, je älter es wurde, zu immer größerer Berühmtheit gelangte. »Je älter, desto weiser«, hieß es in der Antike denn auch, und so bedeutete Philosophie »Liebe zur Weisheit« und nicht, wie Sie jetzt vermuten, Liebe zur ewigen Jugend. Lieber Herr Bierhoff, mit 44 befinden Sie sich in den besten Mannesjahren, wobei Sie gestern naturgemäß jünger waren als heute. Mit 44 ist man eben nicht mehr 20, was in Zeiten, wo man mit 30 vom Personalchef nach den Rentenplänen mit 60 gefragt wird, auch nicht mehr das ist, was es einmal war. Hegel hatte in Ihrem Alter bereits die Wissenschaft der Logik geschrieben, und Boris Becker war mit 17 schon Sieger von Wimbledon. Kinder, wie die Zeit vergeht! Sollten Sie, Herr Bierhoff, in nächster Zeit noch einmal den Drang verspüren, vor deutsche Fernsehkameras zu treten, um der alternden Welt mitzuteilen, dass Sie sich lebhaft auf ein junges, frisches Gesicht freuen, dann seien Sie doch so nett und schauen Sie vorher mit Ihrem jungen, frischen Gesicht kurz selbst in den Spiegel. Denken Sie bitte daran, dass man gegen das Aufkommen von ortsüblichen Geheimratsecken machtlos ist. Dasselbe sagt der Fachmann über Altersrunzeln, Schlupflider, Hängebacken, Tränensäcke, Managerfalten, Eigenfett am Unterkinn und erschlaffte Hautlappen im fernsehöffentlich sichtbaren Bereich. Hier muss der gemeine Mann sich ehrlich machen und gegebenenfalls gesichtschirurgische Hilfe in Anspruch nehmen. Achtung: gilt erst für Männer ab 50. Bis dahin haben Sie ja noch viel, ganz viel Zeit. Nichts für ungut, mit lieben Grüßen, Ihr Finis