Edmund Stoiber trug Turnschuhe und schwarze Jeans und war plötzlich ein ganz anderer Mann. Er feierte im Berliner Szeneclub 90 Grad, er nahm junge blonde Frauen in den Arm, er stürmte bei den Störtebeker-Festspielen auf Rügen die Bühne, er ließ Rock ’n’ Roll auflegen, er berief eine 29-jährige, unverheiratete zweifache Mutter aus dem Osten als Familienexpertin in sein Kompetenzteam. Wo war nur dieser erzkonservative Bayern-Heini, dem die Bandwurmsätze entgleiten, dieser aktenfressende, verkrampfte Volksmusikpolitiker, der sich überall dort, wo die Welt nicht weiß-blau ist, so unsicher bewegt, als erkunde er fremde Planeten? Wo war der Kandidat, den die SPD in diesem Bundestagswahlkampf 2002 attackieren wollte?

Dann begann es zu regnen.

Gerhard Schröder trug schon lange keine Brioni-Anzüge mehr, dafür Ratlosigkeit im Gesicht. Er war ein Kanzler in Not. Sein zentrales Versprechen, die Arbeitslosigkeit deutlich zu senken, hatte er deutlich verfehlt. Im Bund stiegen die Schulden, und der Herausforderer kam aus diesem Musterfreistaat im Süden, wo alles blüht und boomt, wo Musterfreistaatsmenschen mit Musterfreistaatslächeln durchs Leben schweben. Sieben Prozentpunkte lag seine SPD Anfang August in Umfragen hinter der Union, sechs Wochen vor der Wahl. Schröder war zwar beliebter als der andere, das zumindest war ihm geblieben. Aber wie sollte er nur Wahlkampf führen? Weit und breit gab es nichts, woran er sein »Er oder ich« koppeln konnte. Kein Inhalt, kein Thema, keinen Sinn.

Dann zog er die Gummistiefel an

Die Gummistiefel haben die Bundestagswahl vom 22. September 2002 entschieden, die Gummistiefel und ein bisschen Frieden. Ohne das Elbhochwasser und ohne die Irakkriegsdebatte wäre vieles, womöglich alles anders gekommen.

Vor ziemlich genau zehn Jahren, am 14. August, trat Bundeskanzler Schröder in Grimma der verheerenden Jahrhundertflut an der Elbe entgegen. In Gummistiefeln. Das war der Moment, so heißt es heute, in dem alles kippte. In dem Stoiber wieder zu Stoiber wurde, in dem Schröder einen Inhalt, sein Thema und zu sich selbst fand; der Moment, in dem die Debatte um das Kämpfen an Euphrat und Tigris mit dem realen Kampf an Elbe und Weißeritz zusammenfiel, Rot-Grün die Diskurshoheit gewann und Handlungsfähigkeit bewies. Das war der Moment, der die Wahl entschied. So hat es sich ins kollektive Bewusstsein der Deutschen eingebrannt. Die Flut hat Stoiber weggespült und Schröder gerettet. Aber stimmt das überhaupt?

16 Gerhard Schröders bewachen das Büro des Bundeskanzlers a.D. in Berlin-Mitte, 16-mal schwarzer Anzug, 16-mal weißes Hemd, 16-mal rote Krawatte, 16 verschiedene Posen. Bilder waren Schröder schon immer wichtig. So wie sich heute die 16 kleinen Porträtgemälde zu einem Gerhard-Schröder-Gesamtkunstwerk fügen, so sollte sich der mediale Impressionismus zur gehobenen Regierungskunst eines modernen, weltoffenen Kanzlers verdichten. Dies war der Plan.

Aus dem Sommer 2002 sind – aus der Vorflutzeit – aber vor allem Bilder der Ratlosigkeit in Erinnerung, der leisen Verzweiflung. Schröder plaudert im Kleingartenverein Abendruh, Schröder stemmt im Olympiastützpunkt Gewichte, Schröder läuft der Marschmusik hinterher. Ein Kanzler der kleinen Leute, sollten diese Bilder sagen, ein Kanzler, der kämpft. Andere Bilder wurden noch einmal hervorgekramt. Das Bild von »Acker«, dem Mittelstürmer von TuS Talle mit dem unbändigen Willen, das Bild von der vaterlosen Kindheit in bitterer Armut. Bilder von gestern. Schröder war im Sommer 2002 ein Mann mit ganz viel Vergangenheit – und ein Kanzler mit wenig Zukunft.

In der Gegenwart raucht er Zigarre

Ein sommerlich gebräunter Altkanzler sitzt, legeres Polohemd, rauchumnebelt, bei einer Tasse Espresso in seinem Büro und schaut noch einmal zurück. »Nein«, sagt er, »die Gummistiefel haben die Wahl nicht entschieden, das ist zu einfach.« Schröder erinnert daran, wie Stoiber und die Union die rot-grüne Regierung im Wahlkampf mit der Parole »Die können es nicht« vor sich hertreiben wollten. Wie sie, unter permanentem Verweis auf die Finanz- und Wirtschaftsdaten Bayerns , die Führungskraft und -kompetenz des Kanzlers attackierten. »Die Art und Weise, wie wir mit der Flutkatastrophe umgegangen sind, haben diese Attacken ins Leere laufen lassen, sie letztlich unglaubwürdig gemacht«, resümiert Schröder. »Wir haben bewiesen, dass wir es können.«