Im Sommer 2002 war Stoiber lange Zeit anders, da war er der Mann, den sie Edi riefen. Der den Menschen erzählte, dass er Nationaltrainer für die Politik werden wolle. Dass er das ganze Land so fit machen könne wie Bayern, wirtschaftlich, finanziell und überhaupt. Dass er Deutschland von der rot-grüne Kreisliga in die Champions League führen werde. Mit Laptop und Michelmütze. Da war er der Kandidat, dem sein Wahlkampfmanager Michael Spreng alles Angreifbare genommen hatte, das Eckige und Kantige. Der die Strategie der "asymmetrischen Demobilisierung" schon verfolgte, als es den Begriff noch gar nicht gab.

Spreng, Journalist und Politikberater, hält diese Strategie auch heute noch für richtig. "Die Union lag Ende Juli deutlich vorn. Die Flut hat dazu geführt, dass Gerhard Schröder eine Wiedergeburt als Kanzler erlebte." Mit allen, ihm reichlich zur Verfügung stehenden Mitteln habe sich der Regierungschef als Krisenmanager inszeniert: "Da hat Schröder die ganz große Trommel geschlagen." Als "fatal" habe sich erwiesen, dass Stoiber just an dem Tag, als Schröder in Grimma in Gummistiefeln auftrat, auf Wunsch seiner Frau die Geburtstagseinladung eines Freundes in den gemeinsamen Urlaubsort angenommen hatte. Auf die Nordseeinsel Juist. "Da hat sich ein Bild in den Köpfen der Leute festgesetzt", sagt Spreng: "Der Kanzler kümmert sich – und der Kandidat macht Urlaub."

Als Stoiber dann kurz darauf selbst die Hochwassergebiete besichtigte, zeigte sich zudem, dass der Kandidat außerhalb Bayerns fremdelte, speziell im Osten. Was er damals noch unterdrückte, einen prinzipiellen Vorbehalt, brach drei Jahre später aus ihm heraus, als er schäumte: "Die Frustrierten" im Osten dürften "nicht über Deutschlands Zukunft bestimmen".

"Stoibers Reflexe haben versagt", findet SPD-Stratege Machnig

Schädlicher aber als Stoibers Fremdeln, so sieht das Spreng, war "die kopflose Reaktion" der Union auf Schröders Ansage, die Steuerreform zu verschieben, um die Nothilfe zu finanzieren. CDU und CSU sagten zwar ihre Unterstützung zu, kündigten aber gleichzeitig an, bei einem Wahlsieg die Steuersenkungen zurückzunehmen. "Das hat niemand verstanden."

Der Union fehlte im Jahr 2002 auch ein drittes Thema, eins für den Endspurt. Arbeit und Wirtschaft hatten den Wahlkampfsommer geprägt und der Union einen klaren Vorsprung verschafft. "Ich wollte die Bildung ins Zentrum der letzten Phase rücken, bin damit aber am Widerstand der Ministerpräsidenten gescheitert", erinnert sich Spreng. "Sie sahen die Zuständigkeit der Länder bedroht." Und so kam es, dass, als der Kanzler wiedergeboren wurde, der Kandidat nichts mehr zu sagen hatte.

Für Michael Spreng war allerdings nicht die Flut wahlentscheidend, sondern der Irak : "Die ganz große Frage von Krieg und Frieden war existenzieller für das ganze Land." Während Schröder versprochen hatte, Deutschland aus dem Krieg herauszuhalten, beschworen zahlreiche Unionspolitiker, voran Wolfgang Schäuble und Angela Merkel, die Solidarität mit den USA. "CDU und CSU standen als Kriegsparteien da", sagt Spreng. Und verloren am Ende die Wahl.

Es bedurfte keiner Verstärkung

Wie viel Inszenierung, wie viel Manipulatives steckte in dem damaligen empathischen Krisenmanager Schröder, wie sehr befeuerten die Kampagnenstrategen die Geschichte vom Gerd in Gummi? Fragt man Sprengs Pendant von 2002, den damaligen SPD-Wahlkampfmanager Matthias Machnig , so preist er zunächst mal seinen alten Chef. In den Fluttagen habe der Kanzler gezeigt, dass er "das Land kompetenter führen kann".

Schröder habe glaubwürdig an das Solidaritätsgefühl der Deutschen appelliert, während die Auftritte des Kandidaten frei von Empathie geblieben seien: "Stoibers Reflexe haben versagt." Und: "Den weltoffenen, liberalen Politiker haben die Leute Stoiber nicht abgekauft. Er war nicht er selbst – und hatte ein Glaubwürdigkeitsdefizit." Aber wie viel Brimborium hat er selbst gemacht, er, Machnig? "Schröders Auftritte wurden medial so stark begleitet, da bedurfte es keiner Verstärkung", sagt er hierzu. Nun ja. Als Wahlkampfmanager war Machnig von seiner eigenen Größe stets beeindruckt. Heute ist er Wirtschaftsminister in Thüringen . Der Osten ist halt heute wie damals immer auch eine Übung in Demut.

Haben nun also die Gummistiefel die Wahl entschieden oder nicht? Trotz aller Bedeutung des Irakkrieges: Wie anders hätte Schröder im Wahlkampf 2002 beweisen sollen, dass er es kann, wenn es im Osten nicht geregnet hätte?