Unmöglich, Mulischs Welt-Roman Die Entdeckung des Himmels vorzuwerfen, er lasse auch nur das Kleinste aus. Aus den Regalen der Theodizee und allgemeinen Theologie ragt in diesem Buch eine Erkenntnis heraus, welche so in anderen Romanen nicht auftaucht. Der Mensch hat sich Tätigkeiten erfunden, in denen er mit Gott wetteifern kann, zum Beispiel jene des unbarmherzigen Schicksalsgestalters, der wiederum Autor genannt wird. Dies weiß man zwar allgemein, aber die Autoren schreiben bescheiden weiter, sozusagen als normale Menschen. Mulisch (1927 bis 2010) aber modelliert aus dem Autor, aus sich selbst, eine ihn zur Roman- und Schicksalsgestaltung zwingende Gottesfigur heraus. Was zunächst als Kunstgriff erscheint, gelingt dem Autor überraschend gut; den Leser verlässt durch die ganzen 800 Seiten hindurch nie das Gefühl, da schrieben eigentlich zwei; ein Autor mit Handwerk und eine übergeordnete sittliche (sowie sittlich entgleisende) Instanz. Wer Theodizee sagt, muss hier zusammen mit Gott, einem struppigen Kerl mit raunzender Zunge, ein Auge zudrücken können. Der feine Herr weiß auch nicht alles, und so unfehlbar wie der Papst ist er längst nicht.

Der göttliche Vorstandsvorsitzende eines kühlen Unternehmens, das durchaus Heaven Ltd. heißen könnte, hat beschlossen, von der Menschheit die Tafeln mit den zehn Geboten zurückzuholen, da diesen weniger und weniger gehorcht werde. Und wenn der Welt ihre zehn Gebote abhandenkommen? Dann, so die Heaven Ltd., wird sie des Teufels sein, wenn sie es nicht bereits ist.

Die Handlung ist eine Familiengeschichte, die mit dem Arrangement zur Zeugung des Gebote-Zurückholers beginnt. Durch die Details hindurch teilt Mulisch mit, er möchte ohne Einschränkung von allem schreiben, was ihm zum Thema Familie, Glaube, Zeugung je zustieß oder einfiel. Dies verdammt den Tutti-Roman zu ungerechter Beurteilung. Keiner (außer Gott) wird seinen Inhalt je schildern können.

Die Zeugung des Gebote-Heimholers könnte misslingen, ihr Misslingen ist aber ein doppelter Treffer. Es werden für die Aufgabe gleich zwei, Zwillinge, geboren. Die beiden, Onno, der Politiker, und Max, der Astronom, fangen sogleich im Aquarium einer unendlich großen Familie herumzuschwimmen an.

Ins Gewicht fällt das Mephistophelische, das Mulisch immer besonders gut gelingt. Der Vater einer schwangeren Ada (ganzer Name: Ada Fleisch) erleidet einmal einen Infarkt und liegt im Krankenhaus. Max, Onno und Tochter Ada besuchen ihn, es regnet und stürmt. Der Wagen muss wegen eines gestürzten Baumes stehen bleiben. Kaum steht er, fällt ein zweiter Baum quer auf den Wagen und über die darin sitzende Ada. Sie fällt sogleich in ein nicht enden wollendes Koma. In diesem Augenblick stirbt ihr Vater im Krankenhaus. Frage nur: Kamen die Schläge von Gott oder Mulisch?

Die Mulischsche Kombinatorik, über dem existenziellen Grundthema, ist durchwegs unterhaltend, überraschend, komisch, finster, verrückt, so eigensinnig wie leichtfüßig. Die Entdeckung des Himmels, zunächst ein psychologischer Gesellschaftsroman, wächst in ozeanische Breite. In der Welt, die er sich vornimmt, ist er an Klugheit, Witz, Welthaltigkeit nicht zu übertreffen.

Die Gesetzestafeln gehen übrigens in den Himmel zurück. Es ändert sich: gar nichts.