Warum kann ein Schriftsteller eine Diktatur nicht lebendig beschreiben? Weil eine Diktatur die Sprache ins Gefängnis wirft und die Grammatik an die Kette legt. Eine Diktatur verhaftet alles, auch die Wörter, und im vergitterten Auge der Sprache verwandelt sich das Leben in einen Totentanz. Und dieser Totentanz – das ist die Diktatur.

Der Fuchs war damals schon der Jäger heißt der Roman, in dem Herta Müller (geboren 1953) nach ihrer Emigration in die Bundesrepublik den Horror der rumänischen Diktatur beschrieben hat. Als das Buch 1992 erschien, war Ceauşescu schon fast drei Jahre tot, und auch sein System war gut analysiert, die Securitate, der Terror im Namen des Kommunismus, die Willkür und das Kesseltreiben gegen freie Geister.

Doch Herta Müller wollte eine andere Grausamkeit zeigen, sie wollte zeigen, wie die Diktatur die Wahrnehmung zerstört, wie ihre Propaganda die Bedeutung aus der Sprache prügelt. Weil den Wörtern, das ist die Idee des Romans, der Mund verboten wurde, stirbt der Sinn, und die Angst wächst "unter die Haut" und infiziert alles mit dem Tod. Das Leben fault vor sich hin, der Abend kommt gleich nach dem Morgen, die Uhren takten den Stillstand der Zeit. "Der Apfelwurm frisst weißes Fleisch und scheißt einen braunen Weg. Er frisst sich einmal durch und stirbt. Das ist sein Weg." Nach und nach zieht sich die Schlinge immer mehr zusammen. Ein Unbekannter schneidet dem Fuchsfell, das bei der Heldin im Zimmer hängt, ein Stück ab, erst den Schwanz, dann einen Fuß – und irgendwann den Kopf?

Die Natur ist in diesem Roman ein Gewächs der Angst, sie "frisst das Glück", sie würgt und wimmert. "Die Pappeln sind grüne Messer. Wenn Adina die Pappeln zu lange ansieht, drehen sie die Messer von einer Seite zur anderen im Hals." In dieser totalitär geschlossenen Welt entpuppt sich auch das Zarteste als Verrat. Pavel, der Herzallerliebste, liebt mit Berechnung, er ist Agent der Securitate.

Am Ende des Romans lassen Täter und Opfer sich nicht mehr unterscheiden; Schuldige und Unschuldige sehen einander täuschend ähnlich, alle beobachten alles, keiner traut dem anderen. Die Dinge bekommen menschliche Fratzen, und die Menschen grinsen wie Dinge. "Wo bei anderen das Herz ist, ist bei denen ein Friedhof."

Herta Müllers Roman ist nicht nur eine große Allegorie auf die rumänische Dunkelzeit, er ist die Inschrift auf dem Grabstein des totalitären Kommunismus, das Epitaph auf ein System, das die Menschen zur Freiheit erlösen wollte, aber Sklaven produziert hat. "Brüder, zur Sonne, zur Freiheit". In diesem System wurde die Angst nicht weniger, sondern wuchs unter den Himmel. Herta Müller hat es früh gewusst. "Nur die Kakerlaken werden den Kommunismus überleben."