Die Postmoderne hat in der Literaturgeschichte nicht den besten Ruf. Das Spiel mit Erzählhaltungen, Zitaten, Montagen, das deutliche Ausstellen des Epigonalen, Uneigentlichen, künstlich Verfertigten ist seit Cervantes bekannt, die Romantik nannte es Fiktionsironie – warum sollte es sich plötzlich um eine Neuerung des ausgehenden 20. Jahrhunderts handeln? Die meisten Werke, die sich in den achtziger, neunziger Jahren auf die Postmoderne beriefen, waren wenig mehr als mühsame Bastelarbeiten, angestrengte Scherzartikel und selten so anmutig und amüsant von dem Bewusstsein einer Spätzeit des Erzählens nach dem Ende allen Erzählens durchdrungen wie in Italo Calvinos Wenn ein Reisender in einer Winternacht.

Aber ein Meisterwerk dieser Literatur, die das Literarische an sich selbst zum Thema und Problem macht, ist doch entstanden, und das ist der Roman Mein Herz so weiß des Spaniers Javier Marías (geboren 1951). Es bleibt ein Wunder, dass dieses Buch, das im Grunde ein Spiel mit Sätzen ist, die ständig wiederholt und immer wieder neu kombiniert werden und hinter denen sich die eigentliche Geschichte nur schemenhaft, blass und geheimnisvoll entrückt zeigt, ein so großes und bis zum Irrsinn enthusiastisches Publikum fand. Der Autor hatte in seiner spanischen Heimat schon neun Romane, etliche Erzählungen und Essays, wunderbare Shakespeare-Übersetzungen veröffentlicht, zwei Romane waren nahezu unbemerkt in Deutschland erschienen, darunter der übersprudelnd komische Campus-Roman Die Irren von Oxford, als Mein Herz so weiß plötzlich auf die Begeisterung der Fernsehkritiker des Literarischen Quartetts stieß, die das Buch über Nacht zu einem Bestseller machten.

Man kann nicht behaupten, dass sich die Mitglieder der Runde lange mit den Finessen und erzähltechnischen Kompliziertheiten des Romans aufhielten, aber das machte ihre Reklame vielleicht so wirksam. Ohne Umschweife machten sie den Handlungskern, ein Verbrechen aus Liebe und wie aus diesem Gift und Misstrauen über weitere Liebespaare hervorgehen, zur Hauptsache. Und tatsächlich lässt sich das Buch so lesen, ganz auf Inhalt, Liebespsychologie und die langsame Enthüllung des Ursprungsverbrechens reduziert. Die sprachkritischen Exkurse, die Existenzphilosophie, vor allem die hochartifizielle Kombinatorik der Sätze und Leitmotive sind dann gleichsam nur retardierende Elemente, gut kalkulierte Leseverzögerungen, die der Spannung zugutekommen.

Aber darin liegt die Kunst nicht. Die Meisterschaft von Marías besteht umgekehrt darin, aus einer eigentlich mechanischen, kalt konstruierten, papierenen Wortverbindungsmaschine etwas hervorgehen zu lassen, was sich wie lebendige, von warmem Blut durchpulste Wirklichkeit anfühlt. Er will vorführen, was Kunst kann – und siehe da, sie kann es wirklich.