Schwermut: Da trägt einer schwer an der Last seiner Begabung. Er kann malen, aber es reicht nicht zum Maler. Das Licht, das er klarer als andere sieht, blendet ihn zugleich. Hilflos tapst er durch die Welt, geplagt von Wahnvorstellungen, verhöhnt von seinen Kollegen. Seine Karriere endet im Irrenhaus; erst die Nachwelt erkennt sein Genie.

Den Mann gab es: Lars Hertervig, ein Quäkersohn aus Südnorwegen, der so arm, wie er zur Welt kam, vor 110 Jahren starb. Aber darauf kommt es nicht an. Jon Fosse (geboren 1959) erzählt ja nicht das Leben seines glücklosen Landsmanns. Auch dessen Gemälde und der historische Rahmen beschäftigen ihn nur am Rande. Der größte Teil seines über 400 Seiten starken Romans behandelt den halben Tag, an dem Hertervig scheitert: Er wagt nicht, dem Lehrer an der Kunstakademie sein Bild zu zeigen. Er lässt seine Malerkollegen wissen, dass er sie für unfähig hält. Und er wird auf die Straße gesetzt, weil er sich in die Tochter seiner Hauswirtin verliebt hat. Das Mädchen ist 15.

Es wird fast in Echtzeit erzählt, beinahe ohne Gliederung durch Absätze oder Kapitel. Wir sind im Kopf des Verwirrten, lesen seine Gedanken und reimen uns zusammen, was mit ihm geschieht. Stream of Consciousness nennt die Literaturwissenschaft das. Obwohl das Bewusstsein im Leben oft nicht strömt, sondern holpert wie eine Schallplatte voller Kratzer. Vorankreiselt, zurückspringt, von vorne ansetzt. Das ist der Ton dieses Romans.

Ein Jahrhundert nach Hamsuns Hunger treibt Fosse einen Rastlosen ähnlicher Statur durch die Straßen einer fremden Stadt. Hertervig wird nicht fertig mit seinen Gedanken; sie kommen immer wieder. Entsprechend variiert das Buch auch nur einige wenige Sätze. Anfangs denkt man, der Roman muss doch mal losgehen. Und atmet auf, wenn die zerkratzte Platte ein Stückchen weiterspielt. Bis einem klar wird, dass die Melodie dieses Werks seine Aussetzer sind. Aus ihnen zieht er seine hypnotische Kraft.

Gedankenfetzen füllen den Vorstellungsraum: "Und ich habe das Licht aus ihren Augen gesehen." – "Bitte gehen Sie jetzt. Aber. Gehen Sie jetzt. Ja." – "Und ich höre den Polizisten sagen na das ging ja leicht." – "Aber ich kann malen, und die anderen können es nicht." – "Du darfst eine Tür im Himmel bemalen."

Wenn man sich seine Welt ermalen könnte, wäre Hertervig ein glücklicher Mann. Doch Jon Fosse glaubt nicht an eine Erlösung durch die Kunst. Er lässt die Nadel endgültig aus der Rille springen. Die Platte dreht sich weiter; aber man vernimmt nur noch Schrammen und Knacken. Hertervig ist wahnsinnig geworden.

Ganz ohne Hoffnung lässt der Autor den Leser nicht zurück. Es wäre doch denkbar, dass das Licht der Kunst nur Widerschein eines anderen ist. Weiter daran herumzudeuteln würde der Zartheit des Buchs nicht gerecht. Sagen wir es so: Wer diesen Roman gelesen hat, wäre weniger erstaunt, im Himmel bunte Türen zu finden.