Zwei Männer, eine Frau. Die Versuchsanordnung ist karg und literaturgeschichtlich nicht ungewöhnlich, eine Frau zwischen zwei Männern, in diesem schon immer zu eng gesteckten Raum hat die schottische Autorin A. L. Kennedy (geboren 1965) einen kleinen Roman angesiedelt, in dem sich Sehnsucht und Abscheu, Verlangen und Selbsthass, Angst, Hoffnung, Verzweiflung zusammenballen. Es gibt so gut wie keine Ablenkung durch Außenräume. Nur ein wenig Glasgow und London, ein Stopp in Stuttgart. Aber keine Landschaft, wenig Inneneinrichtung. Kaum eine andere Figur, tatsächlich passiert alles, was passiert, aus der Perspektive von Mrs. Brindle, in ihrem Kopf, spielt tief in ihr, in ihrer gequälten Seele.

Helen Brindle ist von Gott abgefallen, "jahrzehntelang war sie niedergekniet, hatte die Augen geschlossen und gespürt, wie sich ihr Kopf an das heiße Herz der Welt legt", heißt es zu Beginn dieses Buches, das mit dem Verlust dieser Geborgenheit einsetzt. Es geht der Frage nach, wie sich die Existenz, für Helen Brindle an der Seite eines kleingeistigen, brutalen Ehemannes, ertragen lässt, wo sich anlehnen, in der wabernden Sinnlosigkeit zwischen dem Nachbügeln von Herrenhemdenmanschetten und dem nächtlichen Zur-Verfügung-Stehen. Wie aushalten, was nun nur noch als Erinnerung in ihr pocht und in der deutschen Übersetzung "gleissendes Glück" heißt, im englischen Original aber original bliss, worin original sin / Erbsünde mitschwingt, jener schon immer tief in die Seele geschnittene menschliche Makel. Ist nicht die Sehnsucht nach diesem heißen Glück schon ein Versagen in Demut?

In der religionstypischen Spirale zwischen Selbstzweifel, Schuldgefühl und Heilswillen strudelt Helen ihrer Beziehung zu Mr. Edward E. Gluck entgegen, einem international angesagten, global behend sich in Szene setzenden Ritter der modernen Selbstoptimierung. Was nicht nur zu einer komischen Konfrontation zweier konkurrierender Heilsversprechen führt. Mr. Gluck fehlt zur Vollkommenheit leider mehr als ein E im Namen.

Kennedy, die in Glasgow lange mit Menschen gearbeitet hat, die am Rande der Gesellschaft stehen, zwingt uns, ohne Blinzeln hinzuschauen – auf Obsessionen, Angstzustände, auf rasendes Begehren, auch Gewaltneigungen, gar nicht zu reden von den äußeren Zeichen solcher Befindlichkeiten, Blutergüssen, Prellungen, einem zerschmetterten Nasenbein. Aber der Blick des Erzählers ist auch gnädig: Mrs. Brindle und Mr. Gluck haben die Tapsigkeit von verwirrten Kindern, man spürt hinter ihrer Verlorenheit eine große Zärtlichkeit, eine sich in kleinen Gesten und lakonisch-komischen Dialogen zeigende Schönheit, was man auch als moderne Form der Gnade bezeichnen kann.