Nein, Berlin ist nicht arm und sexy, Berlin ist superreich – und leidet schwer darunter. Berlin hat, wovon andere Städte träumen: zu viel Rembrandt und zu viel Riemenschneider, zu viel Cranach, Menzel, Warhol und überhaupt weit mehr großartige Kunstwerke, als sich in den mittlerweile mehr als 170 Berliner Museen zeigen lassen. Wahrlich: ein Luxusproblem. Und so scheint es auch eine Luxusdebatte zu sein, die in den letzten Wochen durch die Zeitungen tobte und viele kunstsinnige Bürger landauf, landab erregte. »Rettet die Gemäldegalerie« , das war der Schlachtruf.

Doch nur vordergründig geht es in diesem Streit um widersinnige Umzugspläne oder die Berliner Neigung zur Unmäßigkeit. Egal wie borniert es auch sein mag, eine der wunderbarsten Kunstsammlungen der Welt – Van Eyck! Vermeer! Tizian! – zum Objekt museumspolitischer Strategiespielchen zu machen. Egal ob die Bilder nun offenbar im Martin-Gropius-Bau unterkommen und doch nicht ins Depot verbannt werden müssen. Die eigentliche Debatte kreiste von Beginn an um eine andere, eine viel größere und heiklere Frage. Es ist die Frage nach der Zukunft der Museen.

Die meisten Kunsthäuser meinen ja ernsthaft, es könne so weitergehen wie gewohnt: Mehr Kunstwerke , größere Ausstellungen und am besten alle zwei, drei Jahrzehnte einen An- oder Neubau, um die expandierende Sammlung auch zeigen zu können – das ist die Logik, der die meisten Museen folgen. Kein Direktor, der nicht unter Beklemmungsgefühlen leidet. Das Depot ist voll und wird immer voller. Dringend braucht er neue Säle. Er ist auf Wachstum programmiert.

Und der Erfolg scheint den Museen recht zu geben. Während die Besucherzahlen in Theatern oder Konzerthäusern oft stagnieren, vermeldet die Kunst steigende Beliebtheitswerte . Eine üppige Museumslandschaft ist herangewachsen, weltweit sucht sie ihresgleichen. 2010 zeigten die rund 7.000 Ausstellungshäuser und Museen mehr als 10.000 Sonderausstellungen, besucht von rund 115 Millionen Besuchern.

Doch so beeindruckend diese Zahlen auch sein mögen – sie täuschen. Schon heute leiden die meisten Museen unter ihrem Erfolg. Manchmal reicht das Geld nicht mal mehr, um die Heizkosten zu bestreiten. Denn so großzügig die Kommunen auch sind, wenn es darum geht, kühne Ausstellungshäuser zu errichten, so sehr geizen sie bei den Betriebs- und Personalkosten. Selbst in den angesehensten Häusern bleiben Kuratorenstellen über Jahre unbesetzt. Vielerorts leidet die wissenschaftliche Arbeit, und die restauratorische Pflege der Kunst kommt oft zu kurz. Einzig für großartige Sonderausstellungen, den sicheren Publikumserfolg, finden sich noch Spender und Sponsoren.

Und so bieten die meisten Museen ein höchst seltsames Bild: Nie ging es ihnen besser und selten schlechter. Sie sind aufgedunsen und ausgemergelt zugleich. Auch in Berlin ist das so, wo möglichst bald die Neue Nationalgalerie mit ihren Werken des 20. Jahrhunderts in jene stolzen Hallen ziehen soll, in denen bislang die Gemäldegalerie zu Hause war . 53 neue Säle, 7.000 Quadratmeter Ausstellungsfläche – ein gewaltiger Zugewinn. Doch mit einer Erhöhung ihres Etats wird die Nationalgalerie nicht rechnen können. Zusätzliche Stellen? Mehr Geld für Ausstellungen? Das ist so gut wie ausgeschlossen.

Dennoch gilt der Umzug als unumgänglich. Die Neue Nationalgalerie will mehr ihrer Werke zeigen als bisher. Und sie will weiterhin wachsen, vor allem durch Schenkungen. Gerade erst wurden ihr Teile der Sammlung Pietzsch versprochen, und zumindest einige der Werke könnten die bestehende Surrealistenabteilung gut ergänzen. Nichts spricht dagegen, sie in die Nationalgalerie aufzunehmen. Und doch zeigt gerade dieses Beispiel, dass die Museen in eine riesige Falle geraten sind. Und erst wenn sie sich ändern, wenn sie ihr Selbstverständnis so radikal wandeln, wie sich die Kunst über die Jahrzehnte gewandelt hat, werden sie der Falle entkommen.

Das Museum, wie wir es kennen, ist geprägt von einem starken Ordnungsdrang. So gut wie nie kommt einem Direktor in den Sinn, die Epochen und Stile frei zu mischen und mit den Werken seiner Sammlung eine eigene Geschichte der Kunst zu erzählen. Lieber folgt er den eingeübten Mustern, gültig seit der Renaissance. Er inszeniert eine Geschichte des Fortschritts und der Vervollkommnung, in der ein Künstler vom anderen lernt und sich alles aus allem sinnvoll ableiten lässt. Auch in der Berliner Gemäldegalerie kann man diese »lebendige Kette von Überlieferungen« (Ernst Gombrich) besichtigen. Hier ist das Museum noch ein Ort der normativen Setzung und endgültigen Wahrheit.