Ein Österreicher, der in Leipzig sein Völkerschlachtdenkmal sucht, darf keinesfalls danach fragen: Er würde sonst zum falschen Ziel geschickt. Das Völkerschlachtdenkmal, das jeder kennt, dieser prächtige Bau, dieses Wahrzeichen Leipzigs, interessiert uns heute nicht.

Um sein eigenes Denkmal zu sehen, muss ein Österreicher vorbeifahren am berühmten Original. Muss in Richtung Stötteritz reisen. Muss durch die Siedlung Waldfrieden brausen, vorbei am Wiesenblumenweg. Muss an einer Bahnschranke warten – wo Leipzig schon sehr ländlich ist. Er landet dann in Holzhausen, einem Stadtteil am Waldrand. Dort regiert, am Ende des Ortes, ein gewaltiger zweiköpfiger Adler. Der trägt eine Krone auf jedem Haupt, in den Krallen hält er ein Schwert. Steinern ist sein Sockel: Dies ist ein Denkmal aus dem Jahr 1813.

Lange Zeit verwahrloste das rund 200 Quadratmeter große Grundstück – eine österreichische Exklave in Ostdeutschland. Als der Bewuchs vor drei Jahren bereits eine Gefährdung für Leib und Leben der Passanten darstellte, schritt schließlich die Stadtverwaltung ein und ließ die beiden altersschwachen Pyramidenpappeln, die das gusseiserne Wappentier der Habsburger säumten, fällen. Auf den Kosten für die Gärtnerarbeiten in Höhe von 1142 Euro und 40 Cent ist das Ordnungsamt Leipzig bis heute sitzen geblieben. Denn niemand in Österreich fühlt sich zuständig für diesen Ort des Heldengedenkens im Eigentum der Republik.

Im Juni 2009 baten die Beamten aus Sachsen die österreichische Botschaft in Berlin um "Benennung der Einrichtung, welche mit der Verwaltung von Grundstücken des österreichischen Staates betraut ist".

Drei Jahre sind inzwischen vergangen, in denen die Leipziger geduldig auf eine Antwort warteten. Bis sie im Juni 2012 erneut einen Brief an die österreichische Diplomatie auf den Weg brachten – mit der Bitte um "kurzfristige Erledigung".

Denn im Leipziger Grundbuch erscheint bis heute als Eigentümer des Grundstücks die Stiftung Militär-Maria-Theresia-Orden, wie das Ordnungsamt dem österreichischen Generalkonsul mitteilt. Doch diese existiert seit über einem Vierteljahrhundert nicht mehr. Das Stiftungsvermögen wurde vom österreichischen Staat eingezogen. Das kleine Stück Land in der damaligen DDR wurde offenbar dabei übersehen.

1913 errichtete die Stiftung Militär-Maria-Theresia-Orden das Monument, um Johann Graf von Klenaus, Freiherr von Janowitz, zu gedenken. Dieser war Kommandeur des 24.000 Mann starken IV.Corps der Österreicher gewesen, die hundert Jahre zuvor in der Völkerschlacht von Leipzig den napoleonischen Truppen die Stirn geboten hatte. 500.000 Soldaten waren auf dem bis dahin größten Schlachtfeld der Geschichte aufmarschiert. Vier Tage dauerte das Gemetzel. Im Süden Leipzigs tobten besonders grausame Kämpfe. Um jede Scheune wurde erbittert gerungen.

Hier focht auch Graf von Klenau, der sich bereits vier Jahre zuvor in den Schlachten von Aspern und Wagram hervorgetan hatte. Doch in Leipzig war seine Taktik nur wenig erfolgreich, wie ein Führer zu den Schlachtfeldern Leipzigs aus dem Jahr 1863 verrät: "Am 16. October war Klenau, den äussersten rechten Flügel der verbündeten Armee bildend, wieder zum Angriff auf Liebertwolkwitz bestimmt. Er begann denselben Vormittags 10 Uhr, musste ihn aber bald aufgeben, da Marschall Macdonald, von Holzhausen kommend, den Colmberg eroberte und grosse Massen über Hirschfeld nach Wolfshain und Seifertshain sandte." Auch im weiteren Verlauf der Kämpfe kam Klenaus Offensive kaum voran: "Bei Beendigung der Schlacht bezog er Stellung zwischen Grasspörse und Fuchshain, doch mussten die Gruppen wegen der grossen Nähe der Franzosen die Nacht über unter dem Gewehr verbleiben." Die alliierten Armeen von Preußen, Russland und Österreich zwangen Napoleon und seine Truppen schlussendlich zur Flucht.

Vom "Glücke" sei der Freiherr nicht begünstigt gewesen. Doch seinem Ruf als Kriegshelden tat dies keinen Abbruch. Den hatte sich der Prager bereits 1795 in der Schlacht von Handschuhsheim bei Heidelberg erworben, als er allein mit seinen sechs Schwadronen ein französisches Chasseur-Regiment und fünf Bataillone aufrieb. Nur wenige Wochen später wurde ihm der Militär-Maria-Theresia-Orden verliehen – die höchste militärische Auszeichnung, welche die Monarchie zu vergeben hatte.

Fast 230 Jahre lang wurden besonders mutige Soldaten der kaiserlichen Armee mit dieser Distinktion ausgezeichnet. Maria Theresia selbst hatte den Orden nach der für Österreich erfolgreichen Schlacht von Kolin im Juni 1757 gestiftet. Bis 1931 wurde 1240 tapferen Kämpfern für Österreichs Sache das Kreuz mit dem goldenen Rand und der Inschrift "Fortitudini" (der Tapferkeit) an die Brust geheftet – 1917 zum letzten Mal von kaiserlicher Hand: Gottfried Freiherr von Banfield, ein Marineflieger im Ersten Weltkrieg, erhielt für seine Taten (angeblich 21 Luftsiege) das exklusive Heldenkreuz. Er starb 1986 in Triest. Mit dem Tod des letzten Ordensträgers wurde auch die Ordensstiftung abgewickelt und ihr Vermögen vom Staat eingezogen, wie das Leipziger Ordnungsamt beim Wiener Stadtarchiv in Erfahrung bringen konnte.

Hinter dem Denkmal in Holzhausen wachsen inzwischen vier Pappeln nach. Sie überragen bereits imposant den Heldenadler, doch ihre Stämme sind noch dünn und werden von Holzrahmen gestützt. Die Stümpfe der gefällten Bäume zeugen davon, dass diese einst riesig das Monument überschatteten. Eine knorrige Holzbank lädt zum Verweilen. Vielleicht findet sich ja doch noch eine österreichische Behörde, die Leipzig die 1142,40 Euro erstattet. Auch wenn die Republik heute mit dem Heldengedenken in seiner kleinen Kolonie nichts mehr zu tun haben möchte.

Mitarbeit: Martin Machowecz