Der Phantomschmerz über den gewaltigen territorialen Verlust nach dem Ersten Weltkrieg ist mitverantwortlich dafür, dass Siebenbürgen in unserem historischen Bewusstsein einfach nur als Teil Ungarns erscheint. In Wirklichkeit bildete es anderthalb Jahrhunderte lang gegenüber den osmanisch besetzten und habsburgisch verwalteten Landesteilen einen eigenständigen Staat mit einer Million Einwohnern, entwickeltem Handel, Landwirtschaft und Kultur sowie mit einer für das damalige Europa vorbildhaften konfessionellen Toleranz – sozusagen ein Ungarn im Konjunktiv. Allerdings war die Existenz des Fürstentums aufgrund der internationalen Großwetterlage ständig gefährdet, und die Politik seiner größten Fürsten István Bocskay und Gábor Bethlen glich einem gewagten Balanceakt. Dem »Zaubergarten« Siebenbürgen widmete Zsigmond Móricz seine historische Romantrilogie, die 1936 im Verlag Paul Zsolnay erschien. Es ist ein gutes Zeichen, dass dasselbe Verlagshaus nun ein anderes transsilvanisches Großwerk der deutschen Leserschaft zugänglich macht – Miklós Bánffys Roman Die Schrift in Flammen.

Bánffy (1873 bis 1950) schildert ein Siebenbürgen , das kaum noch etwas mit Móricz’ »Zaubergarten« zu tun hat. In der verwahrlosten Provinz herrschen Armut, Willkür und Korruption. Allein die High Society bewahrt noch den alten Glanz. Um diese Schicht geht es in Bánffys Epochenwerk: um Barone und Fürsten. Die Ungeadelten gehören lediglich zum Bedienungspersonal, als Gutsverwalter, Koch, Stubenmädchen, Pferdepfleger, Zigeunerprimas, Butler oder Gärtner. Das bürgerliche Element findet nur in Gestalt von Bankiers oder im schlechteren Fall von Wucherern Erwähnung.

Diese Barone, Grafen und Fürsten leben in ihren Schlössern und Kurien von Ball zu Ball, von Schmaus zu Schmaus und von Jagd zur Jagd. Zur Zerstreuung spielen sie Tarock und Bacharach, aber sie verachten auch die Gesellschaft von jungen Kokotten nicht. In die Sommerfrische reisen sie nach Paris, Nizza oder Venedig, und einige von ihnen betreiben Politik als Regierungsanhänger oder -gegner. Zumeist sind sie auch nicht ungebildet, in ihren Gesprächen wimmelt es nur so von perfekten deutschen, französischen und englischen Wendungen, und wenn das Schicksal ihrer Heimat verhandelt wird, argumentieren sie wie geborene Juristen. Das aktuelle Weltgeschehen, so der Russisch-Japanische Krieg, die darauf folgende russische Revolution oder die Ausweitung des Einflusses des wilhelminischen Deutschlands, ist den meisten lediglich eine Anekdote wert, ihr Horizont reicht nur von Klausenburg über Budapest bis Wien. Ihre Zusammenkünfte dienen nicht zuletzt dem Ausführen ihrer Töchter zwecks lukrativer Heirat, während auf der anderen Seite junge Männer nach einer guten Partie suchen, um ihre Finanzen durch Mitgift zu sanieren. Etwaige Konflikte zwischen den Herren werden per Duell gelöst, bei dem die Sekundanten auf die peinlichste Einhaltung des Kodexes achten.

Die beiden jungen Protagonisten entstammen dieser exquisiten Gesellschaft. Graf Bálint Abády kommt aus dem gebildeten Westen und will die eigene Wirtschaft modernisieren und die genossenschaftliche Idee eines Raiffeisen in der engeren Heimat durchsetzen. Sein Cousin und bester Freund Graf László Gyeröffy beschäftigt sich hingegen gar nicht mehr mit der Politik, ihn zieht es vielmehr zur Musik.

Die trostlosen Verwicklungen der beiden jungen Männer und das über den Luxus und Pomp schwebende Unglück ihres Umfelds fangen den Geist einer Epoche ein, in der sich vor unseren Augen zwischen 1904 und 1914 eine Elite zugrunde richtet. Sie tut es mit Stil und Glamour. Stil und Glamour schmücken auch Bánffys Erzählkunst.

Allein in Lampedusas grandiosem Il Gattopardo wird annähernd so viel und so schmackhaft gegessen und getrunken, so elegant getanzt, verzweifelt geliebt und ausgewählt gesprochen, während die alte sizilianische Oberschicht durch die Berührung mit der Moderne untergeht. Dabei ist der Moralist und Zeitkritiker Bánffy schonungsloser als sein italienischer Nachfahre, obwohl die Ambivalenz bei ihm unverkennbar ist. Gemeinsam ist den beiden Klassikern auch die Tatsache, dass sich ihre Handlung auf autobiografischen Stoff stützt. Der Italiener mit dem Vollnamen Don Giuseppe Maria Fabrizio Salvatore Stefano Vittorio Tomasi, Principe di Lampedusa, Duca di Palma, Barone di Montechiaro, Barone di Torretta, wollte eindeutig die Geschichte seines Urgroßvaters Don Fabrizio verewigen, während der Ungar mit dem bescheideneren »Graf Miklós von Losoncz« eher eine kollektive Biografie seiner Klasse vorlegt. Außerdem weisen beide Schwanengesänge neben ihrem wie zur Verfilmung geschaffenen Bilderreichtum manche Parallelen in der Rezeption auf. Lampedusas Hauptwerk allerdings konnte erst einige Jahre nach seinem Tod einen Verlag finden und löste dann Begeisterung aus. Bánffys Saga hingegen erntete noch zu Lebzeiten des Autors einen großen Publikumserfolg und fiel nach seinem Tode in Vergessenheit.

Bánffys Handicap begann relativ früh mit seinem Ruf als »schreibender Aristokrat«. Dabei besaß er neben seiner Qualität als Graf, Mitglied des Oberhauses und Großgrundbesitzer zumindest so viele Berufe wie Lampedusa Beinamen: Er war Schriftsteller, Grafiker, Bühnenbildner, Theaterregisseur, Operndirektor, Politiker (für eine kurze Zeit sogar ungarischer Außenminister) sowie Mäzen der transsilvanischen Kultur und Wirtschaft. Politisch bot Bánffy keine einfachen Formeln an. Sein Schloss im siebenbürgischen Bonchida wurde von der Wehrmacht besetzt und beim Rückzug in Brand gesteckt. Später verließ der Graf nach den groß angelegten Verstaatlichungen das kommunistische Rumänien und ließ sich im kommunistischen Ungarn nieder, in dessen damalige Atmosphäre er ebenso wenig passte. Im Juni 1950 starb er als besitzloser, kranker »Klassenfeind« in einem Budapester Spital.

Die Übersetzung von Andreas Oplatka gibt die antiquierte, anspielungsreiche Redeweise des ungarischen und siebenbürgischen Adels wunderbar wieder. Der Roman dient zweifelsohne der Erweiterung unserer literarischen europäischen Geografie. Es wäre wünschenswert, dass die zwei weiteren Bände der Trilogie dem ersten Band bald folgen können.