In dieser Woche musste der Täter ausnahmsweise in den Hintergrund treten. Die Kommission zur Aufarbeitung der Anschläge von Oslo und Utøya übergab Premierminister Jens Stoltenberg ihren Bericht, der zu vernichtenden Einschätzungen gelangt: Der Angriff auf Stoltenbergs Amtssitz im Regierungsviertel hätte verhindert werden können, wenn beschlossene Maßnahmen tatsächlich ausgeführt worden wären. Auf der Insel Utøya wäre ein schnellerer Einsatz der Polizei möglich gewesen. Anders Behring Breivik hätte viel früher gestoppt werden können. Planung und Ausführung der polizeilichen Aktion brachen nahezu komplett zusammen – mit tödlichen Folgen.

Es ist eine trostlose Liste des Versagens: Ein Zeuge beobachtete, wie Breivik den Schauplatz der Explosion mit einer Pistole in der Hand verließ. Nur zehn Minuten nach der Detonation meldete sich der Täter telefonisch bei der Polizei und nannte dabei sogar sein korrektes Autokennzeichen. Ein Mitarbeiter der Telefonzentrale notierte die Botschaft – und ließ den Zettel auf einem Schreibtisch zurück, während Breivik unbehelligt die Stadt verließ. Längere Zeit fuhr dabei ein Polizeiauto direkt hinter ihm her; die Insassen jedoch schöpften keinen Verdacht, weil sie von Breiviks Nachricht nichts wussten. Die ersten Polizisten, die schließlich das Festlandufer nur 600 Meter von Utøya entfernt erreichten, ergriffen keinerlei Initiative, um an ein Boot zu gelangen, zur Insel überzusetzen und den Täter festzunehmen. Die herbeigerufene Spezialeinheit der Polizei wiederum versammelte sich aufgrund eines Missverständnisses an einem drei Kilometer weiter entfernten Treffpunkt. Dort überluden die Spezialisten ihr Kunststoffboot so sehr, dass es fast gesunken wäre und von privaten Booten geborgen werden musste. Das war insofern gut, als sich die Polizei aus Versehen zunächst auf den Weg zu einer anderen Insel gemacht hatte.

Breivik erschoss durchschnittlich einen Menschen pro Minute. Viele, sogar sehr viele von ihnen, hätten überleben können, wäre die Polizeiarbeit effektiver gewesen. Wer muss die Verantwortung übernehmen? In seiner Zelle, wo er Zugang zu allen großen norwegischen Zeitungen hat, dürfte Breivik gejubelt haben. Sein Ziel war es, die sozialdemokratische Partei zu zerstören. Jetzt nahm die Hauptschlagzeile der Boulevardzeitung VG den Premierminister ins Visier: Stoltenberg sollte zurücktreten.

Endlich muss sich auch sein Vater über ihn Gedanken machen

Bisher hat der Mörder, über den Ende der kommenden Woche das Urteil gesprochen werden soll, alles erreicht, was er sich gewünscht haben mag. Aus dem ehemaligen Schulversager, einem Niemand, ist eine große Figur geworden. Er ist weltweit berüchtigt. Zum ersten Mal muss sich auch sein Vater über ihn Gedanken machen – jener Vater, der sich von seinem Sohn abwandte, als dieser 15 Jahre alt war, und dessen Fehlen dem jungen Anders in seiner Kindheit und Jugend den größten Schmerz bereitete.

Anders, so die psychoanalytische Deutung, wuchs mit einer Mutter auf, die ihren Sohn emotional missbrauchte, indem sie unvermittelt zwischen Liebesbekundungen und Hasstiraden hin und her schwankte. Doch der Sohn lernte schnell die Tricks, mit denen er seine Mutter manipulieren konnte. Dieselben Tricks wandte er nun gegen Polizisten und Richter an.

Als die Polizei Breivik nur drei Minuten nach ihrer Ankunft auf der Insel (aber nach ungefähr einer Stunde Fahrt dorthin) endlich festnehmen konnte, lauteten seine ersten Worte: »Je schneller Sie mit der Vernehmung beginnen, desto früher können wir in Verhandlungen eintreten. Wenn Sie 300 Leben retten wollen, dann sollten Sie mir aufmerksam zuhören.«

Als im Prozess Richterin Wenche Arntzen die Verlesung seiner mit antiislamischen Thesen gespickten Eröffnungsrede abkürzen wollte, sagte Breivik: »Wenn Sie mir nicht erlauben, mein gesamtes Manuskript zu verlesen, dann werde ich eben überhaupt nicht reden.« Arntzen gab nach.