ZEITmagazin: Sie haben, Frau Pohl, zwei Bücher geschrieben. In beiden geht es um eine Lebenssuche. Was für ein Motto würden Sie über Ihr Leben schreiben wollen?

Marie Pohl: Stichwörter über mein Leben? O Gott. Chaos, Liebe, Impuls, Angst, Gefahr, Humor, Reisen, New York , Berlin , Berlin-New York, New York-Berlin, Tanzen.

ZEITmagazin: Angst und Gefahr, wie geht das zusammen? Man weicht der Gefahr doch aus, wenn da Angst ist.

Pohl: Ich habe eigentlich immer Angst vor allem, das schreckt mich aber nicht ab.

ZEITmagazin: Wovor haben Sie Angst?

Pohl: Zum Beispiel vor Dunkelheit, wenn ich alleine eine dunkle Straße entlanglaufe.

ZEITmagazin: Ist das eine Angst vor etwas Realem?

Pohl: Ja, natürlich, dass man überfallen wird. Ich habe in Kreuzberg in einem alten Haus im sechsten Stock gewohnt, mit alten, breiten Treppen. Das war so unangenehm nachts, dass ich immer wie eine Wahnsinnige da hochgerannt bin. Dabei war da nichts.

ZEITmagazin: Woher kommt die Angst?

Pohl: Ich glaube, das hat mit Fantasie zu tun. Man hat viel Angst, wenn man viel Fantasie hat, weil man sich dann vorstellen kann, was alles passieren könnte.

ZEITmagazin: Ist die Angst auch produktiv?

Pohl: Klar, sie hält einen wach.

ZEITmagazin: Ihr jüngstes Buch handelt von der Suche nach Geistern, also von einem Phänomen, über das man streiten kann, ob es das gibt oder nicht. Sie klären die Frage auch nicht wirklich...

Pohl: Das habe ich bewusst nicht beantwortet. Geister sind sehr individuell. Hamlet sieht den Geist seines Vaters, aber Horatio sieht ihn nicht.

ZEITmagazin: Horatio sieht ihn auch.

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Pohl: Horatio glaubt ihn zu sehen, aber das hilft ihm nichts. Der Geist spricht nur zu Hamlet. Er ist Hamlets Schicksal, sein Vater, der ermordete König, der nach Rache verlangt. Jeder Mensch hat seinen Geist. Wie jeder sein Schicksal hat. Sie können einen Geist sehen, den ich nicht wahrnehme. Das heißt nicht, dass es ihn nicht gibt.