Das Mietshaus, in dem Ronald Weckesser lebt, sieht so aus, wie die Linke gern wäre: Es ist außen modern und innen ganz rot. Es steht am Stadtrand von Dresden . Im Treppenhaus hat jede Wand die Farbe frischer Erdbeeren. Das passt sehr gut, denn die Linke war ja einst Weckessers Heimat.

Ronald Weckesser ist 63 Jahre alt, ein zufriedener Pensionär, aber in Wirklichkeit ist er erst zehn. »Ich lebe jetzt zehn Jahre, wissen Sie? Zehn Jahre lebe ich!« Das sagt er immer wieder.

Denn dies ist der Mann, der sein Überleben auch einer Katastrophe verdankt – der Jahrhundertflut in Sachsen . Sie vernichtete Existenzen, kostete Menschen Hab und Gut. Ronald Weckesser rettete sie das Leben.

Gesund sieht er aus, ein kräftiger Mann, ein Mann, der Zufriedenheit ausstrahlt. Exakt zehn Jahre ist es jetzt her, dass er, damals Chef des Finanzausschusses im Sächsischen Landtag, Abgeordneter der PDS, dem Tod von der Schippe sprang.

Wie hoch stand das Wasser während der Flutkatastrophe 2002? Vergleichen Sie Fotos aus Sachsen von damals mit Aufnahmen heute.

Weckessers Leiden begann im Februar 2002. Wochenlang hatte er sich krank gefühlt, als seine Ärztin ihn in die Klinik schickte. Da traf ihn die Diagnose: Verdacht auf Leukämie. Aus dem Verdacht wurde schnell Gewissheit. »Ich weiß noch, wie ich im Krankenhaus fragte, ob wir mit der Chemotherapie nicht warten könnten. Zumindest eine Woche. Ich hatte doch so viele Termine!« Die Mediziner sagten ganz entgeistert: Herr Weckesser, Sie haben keine Woche mehr.

Monate verbrachte der Politiker in der Uniklinik Dresden. Sein Zustand wurde besser, die Leukämie wich zurück, die Therapien schlugen an. Bis die Komplikationen kamen, die Nebeneffekte der Krankheit.

»Wenn du eine Chemo machst, ist dein Immunsystem bei null« – so sagt es Weckesser heute. In seinem Fall nistete sich ein Pilz im Kopf ein, eine Infektion, die damals als kaum kurierbar galt und die Ärzte zum Verzweifeln brachte. Die Überlebenschance, heißt es heute, habe bei ungefähr einem Prozent gelegen. Es konnte nur ein Wunder helfen.

Und in der Stadt stieg die Elbe bedrohlich. Dresdens damaliger Oberbürgermeister Ingolf Roßberg ordnete an, die Uniklinik sei zu evakuieren. Am 14. August 2002 wurde Roland Weckesser, im Koma liegend, mit dem Hubschrauber nach Berlin ausgeflogen. Er kam ins Virchow-Klinikum, einen Teil der Charité . Es arbeitete dort der Onkologe Georg Maschmeyer, ein Spezialist für Pilzinfektionen. In der Not entsann er sich eines neuen Wirkstoffs, der in Deutschland noch nicht zugelassen war. Er verabreichte das Präparat, auch auf eigenes Risiko. Und der Patient überlebte. Dieser sagt heute: Das war unerklärlich! Ende Dezember, ein Dreivierteljahr nach der Diagnose Leukämie, konnte Weckesser das Krankenhaus verlassen.