Alfonso probt den Aufstand

Es ist Mittwoch, halb zehn am Morgen, die 112. Woche des Ausnahmezustands in Jerez de la Frontera, Andalusien, als der Polizeioffizier Alfonso Cárdenas seine Uniform im Schrank hängen lässt, stattdessen die Sonnenbrille ins graue Haar schiebt und seine alte Suzuki in die Innenstadt steuert, um den Aufstand zu proben.

Cárdenas fährt fast nur noch Motorrad. Der einzige Polizeibus der Wache von Jerez steht kaputt in der Garage, und als Cárdenas neulich mit einem der letzten Streifenwagen an der Zapfsäule hielt, hob der Tankwart entschuldigend die Schultern: Sorry, ich darf euch nichts mehr geben, die Stadt schuldet uns ein Vermögen.

Seit 27 Jahren ist Cárdenas Polizist, er sagt: "Ich habe immer davon geträumt, die Bürger zu schützen, aber jetzt müssen wir unsere eigene Haut retten!" Cárdenas ist ein gemütlicher Mann von Mitte 50, der nicht aussieht, als könne er eine Revolution anzetteln. Wie jeden Mittwoch hat er seine Demonstration ordnungsgemäß im Rathaus angemeldet. Nach dem Aufstehen hat er für seine Frau den Kaffee aufgebrüht, dann hat er mit seinem Smartphone getwittert: Um zehn Uhr in der Calle Larga – kommt alle!

Als Cárdenas jetzt in die Calle Larga einbiegt, die Einkaufsstraße im Zentrum von Jerez, empfängt ihn ein lärmender hundertköpfiger Haufen: Busfahrer, Altenpfleger, Putzfrauen, Feuerwehrleute, allesamt städtische Angestellte, die zum Teil seit Monaten unbezahlt arbeiten. Familienväter müssen wieder zu ihren Eltern ziehen, klagen die Demonstranten, und das soll Spanien sein?

Jerez de la Frontera, die fünftgrößte Stadt Andalusiens: Nirgendwo in Spanien ist der Schuldenberg höher , fast eine Milliarde Euro. Jahrelang habe man den Ort mit immer absurderen Neubauten zugepflastert, schimpft Cárdenas. Eine neue Shopping-Mall, ein Kongresszentrum, eine Formel-1-Rennstrecke. Jetzt fährt in Jerez nur noch jeder zweite Bus, in Schulen fällt der Unterricht aus, und weil der Strom zu teuer ist, liegen Außenbezirke der Stadt nachts im Dunkeln.

Im Juni 2010 schlug die Krise auf Cárdenas’ Konto ein. Seitdem kommt sein Lohn zu spät oder nur zur Hälfte, Anfang des Jahres bekam er vier Monate lang gar nichts. Wir werden gedemütigt, schnaubt er. Seit Monaten muss er seinen Bruder, einen Ingenieur, anbetteln, weil er die Hypothek für die Wohnung nicht mehr zahlen kann, das Auto und das Telefon. Cárdenas’ 19-jährige Tochter und sein 15-jähriger Sohn leben noch zu Hause. Er musste ihnen erklären, dass sie nicht mehr so oft duschen dürfen, und verbieten, im Internet zu surfen. Wie soll er ihnen jemals ein Studium bezahlen?

Cárdenas hat schon Mörder festgenommen, er patrouilliert ohne kugelsichere Weste, aber wenn er über die Krise redet, gerät er in Rage. Früher hatten sie auf der Wache zehn Streifenwagen, heute nur noch fünf. Für 210000 Einwohner!, ruft er. Jetzt kämen sie oft zu spät, und manchmal, wenn ein Bürger auf der Wache anruft, würden sie am liebsten den Hörer gar nicht mehr abheben. Ihre 14 Jahre alten Kawasaki-Motorräder sind ständig kaputt, und weil das Geld für die Ersatzteile fehlt, müssen sie immer häufiger zu Fuß ausrücken. Sie überlegen jetzt schon, sagt Cárdenas, beschlagnahmte Autos zu Polizeiwagen umzulackieren.

Die Bürgermeisterin wird rund um die Uhr bewacht

Überfälle auf Bars und Tankstellen nehmen zu, Handtaschenraub vom Moped aus, vor allem aber Einbrüche, sagt er. Leute geben sich als Elektriker aus und räumen Häuser leer. Oder steuern Fahrzeuge in Schaufensterscheiben, um die Auslage zu plündern. "Wir können schon froh sein, dass es hier in Jerez keine organisierten Banden wie in Marbella gibt", sagt Cárdenas.

Die Sonne brennt jetzt senkrecht vom Himmel, Cárdenas verlässt seine Demonstration, er läuft durch die Fußgängerzone Richtung Rathaus. Dort möchte er die Liste mit neuen Entlassungen und Sparmaßnahmen einsehen, die die Bürgermeisterin heute auslegen wird. Er nickt den privaten Sicherheitskräften vor Zara und Benetton zu, die neuerdings die Schaufenster bewachen. Dann begrüßt er seine Kollegen.

Ein Trupp von acht Polizisten lümmelt sich auf den Stufen vor dem Rathaus. Acht Mann, das ist das neue Schutzkommando der Bürgermeisterin Pelayo, die Tag und Nacht eskortiert wird, seit die Wut des Volkes die Volksvertreter bedroht.

"Hey, Alfonso!", ruft einer der Jüngeren. "Na, Paco, kannst du dir jetzt noch nicht mal mehr eine Rasur leisten?", sagt Cárdenas grinsend, und Paco, der seit Wochen Dienst vor dem Rathaus schiebt, verzieht das Gesicht. "Das ist nicht witzig", murmelt er. Dann zeigt er auf seinem Smartphone ein YouTube-Video, aufgenommen im März dieses Jahres: Hunderte vermummte Polizisten marschieren darin durch Jerez, umringt von 200 blökenden Schafen. Auf ihren Transparenten steht: "Wir sind ein Tier, das Zähne hat!" und "Der Krieg hat begonnen!"

Damals waren sie schon zwölf Wochen ohne Lohn, auf ihren Schultern trugen sie drei lebensgroße Puppen, auf deren Brust die Namen Pelayo, Pacheco und Pilar Sánchez standen. "Das", sagt der Polizist Paco, "sind die drei Bürgermeister, die uns ruiniert haben." "Pelayo ist eine falsche Ratte", prangte an Häuserwänden in Jerez, die Bürgermeisterin erhielt Morddrohungen, Unbekannte besprühten ihr Haus, und als ihr immer öfter zornige Demonstranten den Weg ins Rathaus versperrten, kam die Idee mit dem Schutzkommando auf. "Ausgerechnet Pelayo", schimpfen die Polizisten, "müssen wir nun beschützen!"

Wenn Antonio Saldaña, der stellvertretende Bürgermeister, vom Rathaus aus den Blick schweifen lässt, kann er die wütenden Gesichter der Polizisten nicht sehen, aber schöne sandsteinfarbene Häuser. "Se vende" steht auf Schildern in deren Fenstern, zu verkaufen. "Die Stadt hat jahrzehntelang gelebt, als gäbe es kein Morgen", sagt Saldaña. Als er im vergangenen Jahr seinen Job antrat, lagen in der Stadtkasse noch 10000 Euro.

Saldaña ist 35, bis vor Kurzem war er Bauunternehmer, auch er hat von dem Bauboom profitiert. Jetzt muss er ein Desaster verwalten, für das ihm die Worte fehlen. "Wir müssen stark sein für Andalusien", fällt ihm nur ein, oder: "Wir haben immerhin unsere berühmten Pferde." 390 Angestellte hat die Stadt schon gefeuert, ein Viertel ihrer Beschäftigten. Saldaña sagt: "Die Polizisten sollen froh sein, dass wir ihnen nicht kündigen können."

1000 Euro zum Stillhalten

Zwei Monate lang haben die Busfahrer gestreikt, sechs Monate lang die Altenheimangestellten, die Totengräber haben sich aus Protest in der Friedhofskapelle verbarrikadiert. Jeden Tag wird Saldaña auf der Straße angesprochen, und um Demonstrationen macht er jetzt einen großen Bogen. Er ist ein Bürgermeister geworden, der sich vor seinen Bürgern versteckt.

Am frühen Abend ist es still geworden auf der Wache von Jerez. Im Flur tuckert nur die Notbeleuchtung, die Klimaanlage bleibt ausgeschaltet. "Willkommen in der Dritten Welt", sagen Pedro und Manolo, die beiden Polizisten, die hier alleine die Stellung halten, Schicht B, zuständig für Bürgersicherheit. Ihre Nachnamen wollen sie lieber nicht in der Zeitung lesen. "Haben Sie unseren verrosteten Renault vor der Tür gesehen? Den haben wir ausrangiert, weil die Leute uns sonst nicht mehr ernst genommen hätten."

"Policía Local" steht draußen an der Wache, Ortspolizei. Die beigefarbenen Möbel in den Büros stammen aus den Achtzigern, der gerahmte König blickt streng von der Wand. "Der kann uns auch nicht mehr helfen", sagt Pedro. Sie warten diesen Monat immer noch auf ihren Lohn, die Kollegen in Barbate warten schon seit drei Monaten, erzählen sie, und in La Línea, wo sie schon seit neun Monaten warten, lassen sie sich krankschreiben und verdienen Geld mit dem Verkauf von Schwarzmarkt-Zigaretten.

"Vielleicht sollten wir wieder zelten", sagt Manolo. Er deutet auf den Rasenstreifen gegenüber. Da standen ihre Zelte, zwei Monate lang, mitten im Winter. Ihre Polizeimützen steckten auf Holzkreuzen, nachts wärmten sie sich an Tonnen, in denen sie Holz abfackelten, "Wir haben Hunger" stand auf ihren Transparenten.

Sie alle haben sich in den letzten Jahren Wohnungen gekauft oder Häuser zu günstigen Krediten. Jetzt sichern sie jede Woche Zwangsräumungen ab, und immer haben sie Angst, denjenigen, den es erwischt, zu kennen. Jetzt müssen sie die Personalien aufnehmen von Vätern, die im Supermarkt Lebensmittel mitgehen lassen. Menschen stehlen Gemüse vom Feld, rauben Kabel aus Laternen. Das Kobalt darin, sagt Manolo, bringe auf dem Schwarzmarkt pro Kilo sechs Euro. Er zuckt mit den Schultern. Wenn die Polizisten die kaputten Laternen sehen, nehmen sie den Schaden nicht mehr auf. "Es wird ja doch nichts ersetzt, und wir haben nicht mal mehr Blöcke zum Schreiben", sagt Pedro. Im Drucker fehlt das Papier, den Kopierer haben sie stillgelegt, das Absperrband geht auch bald aus.

Gegen sechs am Abend knarzt das Funkgerät: In der Calle Larga wurde ein Portemonnaie gestohlen, ein Kollege beschreibt den Verdächtigen. Pedro und Manolo grinsen. Dann winken sie ab.

In der Nacht erreicht eine Nachricht aus dem Rathaus die Wache: 1000 Euro werden überwiesen für jeden städtischen Angestellten. 1000 Euro zum Stillhalten.

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