Dies ist eine Geschichte, die zurzeit, so oder ähnlich, nicht wenige Deutsche ereilt. Es ist eine Geschichte, die mit einem fremden Fuß beginnt.

Es ist 10 Uhr morgens am 30. September 2010, als es in der Praxis von Markus Müller im noblen Bad Homburg, dem Kurort bei Frankfurt, klingelt. Der 64-jährige Psychotherapeut, der gerade ein Paar mit ernsthaften Eheproblemen vor sich sitzen hat, öffnet – und sofort schiebt sich ein Fuß in den Spalt. Man hält dem perplexen Müller, der sich aus einfachen Verhältnissen zum Therapeuten der Prominenz hochgearbeitet hat, einen Durchsuchungsbeschluss unter die Nase, dazu schleudert ihm der Besitzer des Fußes zwei Sätze entgegen: "Sie stehen im dringenden Verdacht, Steuern hinterzogen zu haben. Sind Sie im Besitz einer Waffe?" Müller schüttelt stumm den Kopf und lässt fünf Menschen, die sich als Beamte der Steuerfahndung Wiesbaden entpuppen, eintreten. Vier Stunden lang durchkämmen sie die Räumlichkeiten der Praxis, die Markus Müller seit zwei Jahrzehnten sein eigen nennt. Sie beschlagnahmen den Laptop, Geschäftsunterlagen und kopieren den Kalender des Psychotherapeuten. Einige Nachbarn schauen dem Treiben gespannt zu.

Wie der Mann später erfährt, geschieht dasselbe zeitgleich bei ihm zu Hause, im Reihenhaus im Taunus. Dort wird seine Frau von fünf Steuerfahndern überrascht. Zur Toilette darf sie nur unter Aufsicht. Auch hier schauen Nachbarn zu, wie die Beamten Computer und Akten aus dem Haus schaffen.

Wenn Markus Müller und seine Frau Sabine, die beide mit ihren richtigen Namen nicht in der Zeitung stehen wollen, heute von diesem Donnerstag im September 2010 erzählen, bekommen sie trockene Kehlen und Gänsehaut. Die zwei Jahre, die seitdem vergangen sind, haben die Wunden nicht geheilt. "Der deutsche Staat hat uns behandelt, als seien wir Schwerverbrecher", sagt Markus Müller.

In Bad Homburg, einem Ort, den die Müllers als "Kaff" bezeichnen, spricht sich die Geschichte schnell herum. Aufgrund von ironischen Sprüchen, die in ihrer Gegenwart geäußert werden, merken die beiden, dass über sie geredet wird. In den Monaten danach fällt dem Ehepaar auf, dass es von Bekannten, zu denen es einen regelmäßigen Kontakt pflegte, nicht mehr eingeladen wird. Nicht wenige Patienten bleiben der Praxis fern, die laut Markus Müller "vom ersten Tag an immer rappelvoll war". Wieder und wieder, sagt der Therapeut in seinem tiefen Praxissessel, denke er an ein Wort der deutschen Dichterin Marie von Ebner-Eschenbach: "Ein Urteil kann man aufheben, ein Vorurteil aber nicht."

Die gesellschaftliche Stellung scheint gefährdet. Dass die Müllers von anderen Bad Homburgern erfahren, denen Ähnliches widerfahren ist, kann sie wenig trösten. Sie haben Schlafstörungen und Magenschmerzen. "Ja, wir haben jetzt einen Makel", sagt Sabine Müller. Dann steht sie auf und schließt das Fenster der Praxis. Muss ja nicht jeder hören.

Aber eigentlich beginnt diese Geschichte neun Jahre früher. Man schreibt den Oktober des Jahres 2003, als Markus Müller, der deutschen Banken "mangelnde Beratungskompetenz" attestiert und seit seiner Kindheit in Süddeutschland eine Affinität zu der Schweiz hat, ein Konto bei der Credit Suisse (CS) in Rheinfelden bei Basel eröffnet. Die Idee ist, die Gewinne aus der Praxis fürs Alter in einem Land anzulegen, das die Müllers als einen "Hort der Sicherheit" einschätzen, als den "Schoß Adams". Und so schaffen die beiden jedes Mal, wenn sie im Sommer ans Meer oder im Winter nach Klosters zum Skifahren reisen, ein paar Tausend Euro in bar in die Schweiz. Warum in bar, Herr Müller? "Weil ich wollte, dass der deutsche Staat nicht weiß von meinem Konto in der Schweiz. Ich hege wegen verschiedener traumatisierender Erlebnisse in meiner Kindheit und Jugend ein grundsätzliches Misstrauen gegen die deutschen Behörden."

Das Geld, in Deutschland als Einkommen versteuert, steckt Müller in einen Aktienfonds – den daraus resultierenden Gewinn aber, der wieder in den Fonds investiert wird, meldet er den deutschen Steuerbehörden nicht. Das ist der entscheidende Fehler. Der Straftatbestand der Steuerhinterziehung ist erfüllt. Markus Müller ist kriminell geworden. Er sagt, die Credit Suisse habe ihm mitgeteilt, er müsse die Gewinne erst versteuern, wenn er sie "realisiere", also vom Konto abziehe. "Ich habe der Auskunft der Bank vertraut. Das war mein Fehler, ein großer Fehler. Ich hätte mich besser informieren sollen, denn Unwissen schützt vor Strafe nicht", sagt der Psychotherapeut.