Diktatoren machen keine Ferien. Die syrische Tragödie (der unumkehrbare Wahn Baschar al-Assads; das endlose Martyrium der Zivilisten, die von ihren Mördern zusammengeschossen werden) wirft Fragen auf, für die es keine Sommerpause gibt.

1. Soll man intervenieren? Ist die "Schutzverantwortung", diese UN-Version der antiken Theorie des gerechten Krieges, auf die syrische Situation anwendbar?

Die Antwort lautet Ja. Bedingungslos ja. Genauer gesagt, sie kann nur Ja lauten für jene, die im vergangenen Jahr meinten, dass das Konzept der "Schutzverantwortung" auf den libyschen Fall anwendbar war.

Die Sache ist gerecht. Und die Absicht ist rechtschaffen. Es sind die Syrer selbst, die – entscheidendes Kriterium! – nach Hilfe rufen. Die politischen und diplomatischen Behelfe, die Vermittlungsversuche, sie sind allesamt ausgeschöpft. Und die Schäden einer Rettungsaktion für die Zivilisten wären, was immer auch geschieht, gering im Vergleich zur Auslöschung rebellierender Städte durch Assads Artillerie. Gestern Bengasi, heute Aleppo : Die Verbrechen, die hier begangen werden, sind die gleichen, mit denen Gaddafi die Hauptstadt der Cyrenaika bedrohte. Wollte man das, was damals getan wurde, um ein angekündigtes Verbrechen zu verhindern, heute verweigern, obwohl es ein sogar schon begonnenes Verbrechen beenden könnte: Niemand würde diese Entscheidung verstehen.

Es ist eine Frage der Konsequenz. Der Logik. Also der Politik und der Moral, wie mein Lehrer Georges Canguilhem gesagt hätte; er war Wissenschaftshistoriker, zugleich eine Persönlichkeit des Kampfes gegen die Nazis in den Truppen der France libre; er bezeichnete sich als "Widerständler aus Gründen der Logik".

2. Wie intervenieren? Und wie, insbesondere, mit dem russischen und dem chinesischen Veto umgehen?

Die Antwort ist nicht so kompliziert, wie es jene vorgeben, die sich von vornherein zum Nichtstun entschlossen haben. Es ist die gleiche, die der französische Präsident Nicolas Sarkozy am 11. März 2011 den Vertretern des libyschen Nationalen Übergangsrats gab, als sie ihn nach den Konsequenzen eines möglichen Scheiterns der französischen Bemühungen im UN-Sicherheitsrat fragten: "Das wäre ein großes Unglück", antwortete Sarkozy, "und man muss alles tun, es zu vermeiden; aber wenn wir nicht ans Ziel kommen, dann muss man mit den betroffenen regionalen Organisationen (Arabische Liga, Afrikanische Union) einen Ersatzrahmen finden, der es gleichfalls erlaubt, zu handeln."

Und es ist jene Antwort, die Amerikas UN-Botschafterin Susan Rice am 30. Mai 2012 gab, dieses Mal direkt zum Thema Syrien, als sich das Scheitern der Vermittlungsbemühungen Kofi Annans abzeichnete: "Die internationale Gemeinschaft läuft Gefahr, bald keine andere Wahl zu haben, als über eine Aktion jenseits des Annan-Plans und der Autorität des Sicherheitsrates nachzudenken." Jenseits der Autorität des Sicherheitsrates! Die amerikanische Botschafterin!

Eine Frage des Rechts. Der Ergänzung des Rechts, nämlich wenn seine Positivität den Anforderungen des Naturrechts und der Gerechtigkeit zuwiderläuft.

Nein, das russische und chinesische Veto ist kein Argument, sondern ein Alibi. Und zwar ein Alibi jener, die im Geheimen damit rechnen, Assad möge stark genug sein, die Rebellion zu vernichten, was uns der Gewissensfragen entledigen würde. Ihm das Blutbad. Uns die Krokodilstränen.