Im letzten Jahr habe ich oft von meiner Schwester Claudia geträumt. Leider konnte ich mich nach dem Aufwachen nicht mehr daran erinnern, um was es in den Träumen ging. Manchmal war das Geträumte so heftig, dass ich am nächsten Morgen richtig durch den Wind war. Ich finde es aber schön, von Claudi zu träumen. Vor fünf Monaten, als ich wieder mal von ihr geträumt habe, wachte ich auf und dachte: Ich muss das jetzt unbedingt aufschreiben. Ohne das Licht anzumachen, stand ich auf, lief im Halbschlaf zum Schreibtisch und notierte den Traum in ein Heft. Nachdem ich alles niedergeschrieben hatte, legte ich mich wieder hin. Am nächsten Morgen las ich mir die Notizen durch. Es war ein komisches Gefühl, denn ich hatte keine Erinnerungen mehr daran. Wir befanden uns in Claudis Wohnung. Es war klar, dass sie sterben wird, aber trotzdem wirkte sie sehr ruhig. Wir umarmten uns zum Abschied ganz fest, das hatte eine starke emotionale Intensität. Dann sagte Claudi zu mir: »Du musst es einfach immer versuchen.«

Nach diesem Motto hat sie gelebt. Im Alter von sieben Jahren diagnostizierten die Ärzte bei ihr Sklerodermie, eine Autoimmunkrankheit, bei der sich das Kollagen im Bindegewebe von Haut und Organen verhärtet. Ihr Zustand verschlimmerte sich in Schüben, mit Anfang 20 benötigte sie eine neue Lunge. Jahrelang lag sie im Krankenhaus und wartete auf ein Spenderorgan. Doch auch in dieser Situation ist sie dem Leben mit unbeschreiblich positiver Art begegnet, hat immer weitergemacht und alles versucht.

Es einfach versuchen – das ist auch der Ansatz von Junge Helden . 2003 gründete Claudi den Verein, weil sie das Thema Organspende anders angehen wollte. Sie wollte nicht mit erhobenem Zeigefinger darüber sprechen. Stattdessen veranstalteten wir Partys, gingen an Schulen und brachten das Thema so in die Öffentlichkeit. Ihr Ziel war, dass sich Menschen damit auseinandersetzen und eine Entscheidung treffen. Egal, wie diese ausfällt.

Vor einem Jahr ist Claudi gestorben, sie ist 30 Jahre alt geworden. Nach ihrer Lungentransplantation hat sie es geschafft, wieder ein relativ freies Leben führen zu können. Aber ihr Herz war durch ihre Krankheit sehr geschwächt, sodass sie schließlich an Herzversagen starb.

Junge Helden versucht, die Arbeit in Claudis Sinne weiterzuführen. Sie war nie der Typ, der das gefordert hätte, und ich habe auch nie konkret mit ihr darüber gesprochen. Trotzdem war uns allen klar, dass es weitergehen muss. Das ist auch für unser Team hilfreich: Es hat uns noch enger zusammengeschweißt, viele Kontakte haben sich intensiviert. Darüber freut sich Claudi bestimmt.

Alle bisherigen Träume zum Nachlesen

Neulich habe ich einen Brief von ihr gelesen. Darin schreibt sie von einer SMS, die ich ihr mal geschickt hatte: »Komm, wir träumen uns jetzt einfach zueinander.« Heute sind meine Träume auch der Ort, an dem ich mit Claudi noch mal zusammenkommen kann. Das hört sich schnell so kitschig an, aber es geht dann einfach um die Zeit, die wir haben. Darum, dass wir uns gewisse Dinge noch mal sagen. Auch wenn davon im Nachhinein nur eine vage Erinnerung bleibt. Letztlich ist das aber auch gar nicht so relevant, denn mit oder ohne Traum trage ich Claudi ständig in meinem Herzen.

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