Wer als Journalist von weit her nach Bamberg kommt, um sich in Sachen Mauerbau zu informieren, dem kann es geschehen, dass zum Termin mit dem angefragten Stadtrat gleich vier Stadträte erscheinen: ein Vertreter der CSU, eine Dame der SPD, eine Grüne und einer von den Freien Wählern. Mögen die Fraktionen selten einer Meinung sein, gegen die Teilung ihrer Stadt stehen sie zusammen.

Die Deutsche Bahn will eine Lärmschutzwand aus Beton quer durch Bamberg ziehen. Die Stadt liegt auf der Hochgeschwindigkeitsstrecke München–Berlin, die ihrerseits Teil der europäischen Eisenbahntransversale ist, die irgendwann einmal Skandinavien und Norditalien verbinden soll. 670 Kilometer sind es von München nach Berlin, die Reise soll sich von sechs auf vier Stunden verkürzen. Damit die ICE-Züge mit Tempo 200 fahren können, baut die Bahn in Bamberg zwei zusätzliche Gleise. Bis zu 140 Personenzüge und 250 Güterzüge sollen später täglich durchkommen. Mehr Züge verursachen mehr Lärm. Und je schneller sie sind, desto lauter sind sie, deshalb die Mauer.

Auch heute schon passieren täglich mehrere Hundert Züge die Stadt, doch solange sie das auf alten Gleisen tun, muss die Bahn nichts gegen den Lärm unternehmen – Bestandsschutz. Beim Bau neuer Gleise schreibt das Gesetz Lärmschutz vor. Die Mauer soll bis zu sechs Meter hoch werden, sie wäre stellenweise höher als damals die in Berlin.

Die grüne Stadträtin spricht vom "Todesstoß für Bamberg". Einen "Volksaufstand" prophezeit die SPD-Frau. "Wenn das so kommt, dann gehen auch die Konservativen auf die Straße, dann gibt es Zoff ohne Ende", droht der CSU-Mann. Der Vertreter der Freien Wähler sagt: "Bamberg 21". Die Stadt will die Mauer nicht.

Bamberg gehört seit 1993 zum Weltkulturerbe der Unesco. Es hat Deutschlands größte unversehrte Altstadt, mehr als 1000 Häuser stehen unter Denkmalschutz. Schon als Heinrich II. das Bistum 1007 gründete, war die Stadt zum Denkmal bestimmt, sie sollte ein neues Rom werden. Der Kaiserdom, das Alte Rathaus, die ehemalige Fischersiedlung "Klein Venedig", das Barockpalais Böttingerhaus und die Renaissancebauten prägten die mittelalterliche Baukunst in ganz Europa. Die Mauer würde an der Altstadt vorbeiziehen und die Sichtachsen zerschneiden.

Wenn die Mauer komme, sagen die Stadträte, drohe Bamberg das gleiche Schicksal wie Dresden. Das Dresdner Elbtal verlor den Welterbe-Status, weil die Stadt den Bau der Waldschlösschenbrücke zuließ. So etwas dürfe Bamberg nicht passieren.

Die Stadt ist in die Planungen der Bahn eingebunden, sie hat ihre Argumente vorgebracht. Man hört sie an. Ein Mitbestimmungsrecht hat Bamberg aber nicht. Der Ausbau gehört zum "Verkehrsprojekt der Deutschen Einheit 8" von Bund und Bahn, das nach der Wiedervereinigung von der Bundesregierung beschlossen wurde. Der Bund trägt auch den größten Teil der Kosten von insgesamt 13 Milliarden Euro.