Thomas Rönnicke sitzt auf der Terrasse seines Gasthofs, die Zigarette hängt ihm schlaff im Mundwinkel, sein Blick wirkt leblos. Gerade hat er drei jungen Rechtsextremen Zimmer vermietet. Als einer von ihnen gestern bei ihm in Viereck anrief und für heute, Samstag, den Tag des NPD-Festes, reservierte, wurde er misstrauisch. "Aber man merkt ja am Telefon nicht, ob einer ein Rechter ist." Als sie dann vor einer halben Stunde auf ihren Motorrädern ankamen, wollte er ihnen nicht mehr absagen. "Sonst zünden die uns noch das Haus an."

Die drei Gäste sehen nicht so aus, als würden sie Häuser anzünden. Frisch geduscht kommen sie die Treppe runter, drei höfliche Jungs, Typ Medizinstudent. Ob es hier irgendwo ein Restaurant gebe?

Vor ein paar Wochen hatte die NPD angekündigt, das "Pressefest" ihrer Zeitung Deutsche Stimme in Viereck feiern zu wollen. In den letzten Jahren fand es meist in Sachsen statt. Nun will sich die Partei in Vorpommern präsentieren – in einer Gegend, die sie als "national befreite Zone" feiert.

Thomas Rönnicke sitzt auf seinem Holzstuhl im Schatten, schlürft Cola und sieht ins Nichts. Es ist still in der Pension. Vier andere Gäste sind schon beim NPD-Fest. Vor der Haustür liegt die Dorfidylle: Kopfsteinpflaster, gotische Backsteinkirche, Wiesen. Normalerweise kommen um diese Jahreszeit Touristen auf dem Radweg von Berlin nach Usedom vorbei. Seit einer Woche nicht mehr, seit in den Zeitungen von den Rechtsextremen und ihren Gegnern geschrieben wird. Rönnicke ärgert das; er findet, das ganze Thema werde aufgebauscht.

Das finden auch viele in Pasewalk, der nächsten Stadt, vier Kilometer weiter. Die Frau in der Bücherei sagt: "Nur weil es hier vier, fünf Nazis gibt, heißt es ständig, der ganze Nordosten sei braun." Die Frau beim Bäcker sagt: "Die Veranstaltung ist ja in Viereck, davon kriegen wir nichts mit." Und der Mann am Kiosk sagt: "So ist das halt hier."

11000 Menschen wohnen in Pasewalk, viele in schmucklosen Sechziger-Jahre-Bauten. Das Kino hat vor ein paar Jahren zugemacht. Neun Prozent der Stimmen bekam die NPD bei der letzten Wahl im Landkreis, in den Dörfern mehr. Die Frau eines örtlichen NPD-Politikers nennt sich Eva Braun; ihre Hunde heißen Adolf und Goebbels.

Der Hotel- und Gaststättenverband rief seine Mitglieder dazu auf, keine Rechtsextremen aufzunehmen. Zur besseren Identifikation verschickte er eine Broschüre, die Zahlensymbole der Rechten erklärt und ihre typischen T-Shirts zeigt. Mit mäßigem Erfolg: In mehreren Pensionen übernachten Gäste, die als Rechtsextreme gut zu erkennen sind. Viele Hoteliers wollen nicht über das Thema reden. Selbst eine Herberge, die zwanzig Rechtsextremen die Buchungen storniert haben soll, behauptet, aus "technischen Gründen" geschlossen zu haben.

Rainer Dambach mag dieses Schweigen nicht. Der parteilose Schwabe ist Bürgermeister von Pasewalk und hat den Protest gegen das rechtsextreme Fest mitorganisiert. Vor vier Wochen gründete sich das Bündnis "Vorpommern: weltoffen, demokratisch, bunt". Von der CDU bis zur Linken engagieren sich darin alle demokratischen Parteien, zudem Vereine und Privatpersonen. Gemeinsam haben sie einiges erreicht: Die NPD musste das Fest auf einen Tag verkürzen, das Zelten auf dem Gelände wurde verboten. Und nun die Menschenkette.

Vier Kilometer misst die Strecke zwischen Pasewalk und Viereck. Am Straßenrand sind Stände aufgebaut, dazwischen beachtliche 2000 Bürger: Künstler aus Berlin, Familien aus Rostock, Hippies und Konservative. Es gibt veganen Walnusskuchen und Würstchen.

Die Polizei hat die Straße zur Tempo-30-Zone erklärt. Wenn ein dunkler Audi mit schwarz-weiß-roter Flagge vorbeifährt, blasen die Aktivisten in ihre Trillerpfeifen. Die Autofahrer starren geradeaus und drehen den Rechtsrock lauter.

Das NPD-Gelände ist mit weißen Planen eingezäunt. Ordner dirigieren die Autos auf den Parkplatz; viele kommen aus Ostvorpommern und dem Uecker-Randow-Kreis, ganz aus der Nähe also. Auch aus der Schweiz, Österreich, Schweden und England seien Besucher da, sagt der Veranstalter Eckart Bräuniger. Er war Söldner im Kroatienkrieg und trieb später Wehrsport mit deutschen Neonazis. Jetzt läuft er breitbeinig, mit schwarzer Schornsteinfegerweste, über den Platz und begrüßt seine 1000 Gäste. Bullige Männer stehen herum, viele mit Glatze, Bierbauch und Tattoos. Auf ihren T-Shirts steht "1933", "Ruhm und Ehre der deutschen Wehrmacht" und "weißer arischer Widerstand". Es gibt ein Festzelt mit Bühne und Stände. Interessierte können sich hier über "Uniformen und Abzeichen der Waffen-SS" informieren, über das Zubereiten von Met und die richtigen Geschlechterrollen. Wie die aussehen, zeigt Sigrid Schüssler, die Vorsitzende der NPD-Frauenorganisation. Im rosafarbenen Dirndl verteilt sie Spielzeug. Aber Kinder und Frauen sind nur wenige da.

Der NPD-Chef Holger Apfel, von der eigenen Gattin gerade in aller Öffentlichkeit verlassen worden, posiert mit jungen Männern für ein Erinnerungsfoto. Der Liedermacher Frank Rennicke singt: "Ich will mein Land zurück." Härter wird die Musik erst am Abend mit der Band Lunikoff Verschwörung. Ihr Sänger, Michael Regener, saß wegen volksverhetzender Texte einige Jahre im Gefängnis.

Fünfhundert Meter weiter, in der Idylle des Gasthofes, sagt Thomas Rönnicke: "Man muss es den Rechten so schwer wie möglich machen, damit sie nächstes Jahr nicht wiederkommen." Ein paar Stunden später macht er ihnen das Frühstück.