Vier Jahre lang haben die beiden Männer miteinander gearbeitet. Der eine ein Bestsellerautor und erfolgreicher Journalist, der andere ein junger Mann, ehemaliger Mitarbeiter eines Callcenters, der wegen eines Burn-out-Syndroms und Depressionen seinen Job aufgeben musste.

Es war ein sehr ungleiches Verhältnis zwischen Günter Wallraff und André Fahnemann, das von tiefem Vertrauen des Älteren zum Jüngeren geprägt war. Fahnemann, der offen zugibt, als Heranwachsender vier Jahre im Gefängnis gesessen zu haben, wegen Urkundenfälschung und fahrlässiger Brandstiftung, hatte freien Zugang zu Wallraffs Büro und zu dessen Wohnung. Anfangs war das Verhältnis zwischen beiden freundschaftlich, über die Jahre wurde es offenbar schlechter. Den Tiefpunkt dokumentiert jetzt ein Artikel, der im Spiegels erschienen ist. Der ehemalige Mitarbeiter hatte seit Längerem Material über Wallraff gesammelt, unter anderem interne E-Mails, darunter auch solche der ZEIT- Redaktion, und diese Unterlagen dem Spiegel zur Verfügung gestellt.

Unter dem Titel Trocken Brot hält der Spiegel Günter Wallraff vor allem dreierlei vor: zum einen die schon vor Wochen von Fahnemann erhobene Anschuldigung, Wallraff habe ihn schwarz beschäftigt, während Fahnemann noch Hartz IV bezogen habe. Fahnemann hat sich deshalb bereits im Juli selbst bei den Behörden angezeigt. Die Kölner Staatsanwaltschaft ermittelt nun gegen Wallraff wegen Beihilfe zum Sozialleistungsbetrug und des Verdachts der Steuerhinterziehung – bislang war es das wichtigste Motiv des Autors gewesen, soziale Missstände und unsaubere Arbeitsverhältnisse aufzudecken. Noch gibt es nur einen Verdacht. Wallraff will auf Anraten seines Anwalts zu den Vorwürfen nicht zitiert werden. In einer Stellungnahme schreibt er jedoch: Die Zuwendungen in bar an Fahnemann »geschahen auf seinen eigenen, ausdrücklichen Wunsch, da ihm das Geld sonst gepfändet worden wäre«. Einer wie Wallraff müsste allerdings wissen, dass ihm das im Zweifel nur wenig nützen wird. Er schadet sich damit womöglich sogar selbst.

Der zweite Vorwurf bezieht sich unter anderem auf die Zusammenarbeit zwischen Wallraff und der ZEIT, für die er seit 2007 als Autor tätig ist. Es sehe danach aus, schreibt der Spiegel, als habe Wallraff einen Teil seiner jüngeren Reportagen nicht selbst geschrieben. Einen ähnlichen Vorwurf gab es bereits in den achtziger Jahren von zwei anderen ehemaligen Mitarbeitern Wallraffs. In diesem neuen Fall gibt es allerdings niemanden, der die Autorenschaft für Wallraffs Texte für sich in Anspruch nimmt. Albrecht Kieser, den der Spiegel nennt, bestreitet, Wallraffs Ghostwriter zu sein.

Schließlich wirft der Spiegel Wallraff vor, er sei möglicherweise an der Manipulation eidesstattlicher Versicherungen von Informanten beteiligt gewesen.

Wallraffs Recherchen erfordern Mut. Und ein bisschen Wahnsinn

Günter Wallraffs Sozialreportagen leben vor allem davon, dass er sich in das Milieu begibt, über das er schreibt, er verkleidet sich, schlüpft in Rollen, nimmt fremde Identitäten an, um die Arbeitsbedingungen in Unternehmen aufzudecken oder das Leben von Obdachlosen zu beschreiben. Die Basis der Reportagen bilden meist seine eigenen Erlebnisse, das ist das Besondere an seiner Arbeitsweise. Diese Art der Recherche erfordert ein bisschen Wahnsinn und enorme Risikobereitschaft. Es gibt nicht viele Journalisten in Deutschland, die sich bei Minusgraden mit dem Schlafsack auf die Straße legen, um die Nächte mit Obdachlosen zu verbringen. Nicht viele, die wochenlang in einer Backfabrik oder als Paketbote schuften .

Bislang gab es nie Zweifel daran, dass Günter Wallraff das, was er beschreibt, auch tatsächlich selbst erlebt hat. Diese Erlebnisse sind der Kern seiner Reportagen. In den letzten Jahren wurde Wallraff auch immer wieder von einem Kameramann begleitet.