Dies ist ein Kompendium unsäglicher Ärgernisse, geschrieben mit Sachkenntnis und Leidenschaft, und deshalb ist es auch unerheblich, dass Wilfried Bommert in Bodenrausch manches wiederholt, was er schon in seinem Erstling Kein Brot für die Welt beschrieben hatte. Man kann nämlich nicht oft genug darüber schreiben, dass die Menschheit dabei ist, zu zerstören, was Grundlage ihrer Existenz ist: den Boden, der ihr Nahrung bietet.

Schon jetzt führen falsche Nutzung und ungerechte Verteilung dazu, dass die Äcker der Welt kaum ausreichen, sieben Milliarden Erdbewohner zu ernähren. Boden ist ein knappes Gut. An knappen Gütern lässt sich potenziell viel Geld verdienen. Das ist Bommerts Thema: Seit 2007 haben, was der Autor "Kapitalinteressen" oder "die neuen Landlords" nennt, in Südamerika, Afrika und Südostasien (den "Bodenbanken der Welt") Gebiete aufgekauft, die sich mittlerweile auf die Größe Westeuropas summieren sollen. Treibstoffe der neuen Landnahme sind Angst und Gier – die Angst, die eigene Bevölkerung nicht mehr ernähren zu können, treibt Südkoreaner oder Saudis nach Kambodscha oder Kenia. Und Gier – nach hohen Renditen – treibt Fonds, sich Hektar um Hektar einzuverleiben, um damit Geld zu machen.

Die Folge, schreibt Bommert im ersten, eindrucksvollsten Teil von Bodenrausch, das "von Tätern und Opfern" handelt, ist ein "neuer Kolonialismus", bei dem Finanz-, Rohstoff- und Agrarkonzerne die Habenichtse der Dritten Welt von der Scholle vertreiben, meist im Schulterschluss mit lokalen Eliten und unterstützt von Weltbank und anderen wirtschaftsnahen westlichen Institutionen. Sehr oft dient das erworbene Land der Gewinnung von Agrotreibstoffen – etwas, was übrigens auch in Deutschland passiert: in Ostfriesland, in Bayern oder im Münsterland verdienen Kapitalanleger längst an den endlosen Maisfeldern, die den Grundstoff für Biogas liefern.

Dabei wird die schmale Erdschicht, aus der unsere Nahrung sprießt, ohnehin schon knapper. In Teil zwei des Buches schildert Bommert, wie Erosion, Versalzung, Verstädterung und Wassermangel die Böden schrumpfen lassen, wie Bevölkerungsdruck und der Hunger nach Fleisch die Äcker überfordern, wie der Klimawandel alles noch schlimmer macht. Teil drei soll dann Hoffnung wecken und nachweisen, dass es mithilfe alter und moderner landwirtschaftlicher Methoden möglich ist, "verlorenen Boden wiedergutzumachen". Und mit Effizienz und einem bewussteren Umgang mit Nahrungsmitteln: Würden im Süden nicht die Hälfte der Ernten schon auf dem Weg in die Lagerhäuser verrotten, im Norden nicht Unmengen Lebensmittel auf dem Müll landen – dann könnte, schreibt Bommert, die Erde theoretisch doppelt so viele Menschen ernähren wie sie es heute tut.

Aber eben nur theoretisch. Deshalb wüsste man gerne, wie – Teil vier des Buches – dem Bodenrausch der Boden entzogen werden kann. Vielleicht bleiben Bommerts Vorschläge deshalb so mutlos, weil die Wirklichkeit eben so düster ist wie beschrieben. Jedenfalls ist es mit einer "Abmahnung" an die Spekulanten kaum getan, werden "Aufklärung" und freiwillige "internationale Konventionen" wenig nützen, solange mit Äckern so viel Geld zu verdienen ist.

Aber das ist nicht die wichtigste Kritik an einem ansonsten gelungenen Überblick über eines der drängendsten Probleme der Gegenwart. Bommert gibt sich als Reporter. Es scheint, als besuche er Bauern in Mali oder Finanziers in New York. Angeblich fährt der Autor "von Phnom Penh nach Norden" und findet sich "in einer Reislandschaft wieder". Irgendwo in Afrika kommt ihm "eine riesige Staubwolke entgegen". All das macht das Buch anschaulich – nur erlebt hat Bommert das nicht. Das meiste stammt aus Reportagen und Reports, die andere Journalisten geschrieben haben.

Immerhin hat der Autor sie zitiert. Eine Gegenrecherche fördert allerdings zutage, dass der erwähnte südkoreanische Agrarminister nicht mehr im Amt ist. Die Organisation Bridges across Borders Cambodia gibt es nicht mehr, der zitierte kambodschanische Zeuge ist eine Frau und kein Mann. Kleinigkeiten? Hoffentlich.