Kleists "Kant-Krise" ist eine ausbaufähige Geschichte, weil sie davon berichtet, dass wenigstens früher einmal grundlegende Veränderungen im Geistigen persönliche Erschütterungen nach sich ziehen konnten. Kant lehrte, dass die Sinne und der Verstand nicht einfach zeigen, wie die Welt ist: Sie modellieren das Weltbild mit. "Wenn alle Menschen", schrieb Kleist in einem Brief, "statt der Augen grüne Gläser hätten, so würden sie urteilen müssen, die Gegenstände, welche sie dadurch erblicken, sind grün – und nie würden sie entscheiden können, ob ihr Auge ihnen die Dinge zeigt, wie sie sind, oder ob es nicht etwas zu ihnen hinzutut, was nicht ihnen, sondern dem Auge gehört. So ist es mit dem Verstande. Wir können nicht entscheiden, ob das, was wir Wahrheit nennen, wahrhaft Wahrheit ist, oder ob es uns nur so scheint."

Dass das Subjekt jeweils selber in die Konstitution der Welt involviert ist, kann einen schon erschrecken. Es entzieht jenem Glauben den Boden, dass "die Wahrheit" eine sichere Sache ist. Angenehmer ist dagegen das Konzept, dass die Wahrheit eine Substanz ist, der man sich als Subjekt nur nähern muss, bis man mit ihr deckungsgleich ist. Man denke, was das für die moralischen Anstrengungen bedeutet: Man könnte dann, wie immer schwierig es wäre, "in der Wahrheit leben", während einem in der Krise die Wahrheit ausgerechnet dort wegrutscht, wo man sie entschieden sucht. Immer verzerren einem "die grünen Gläser" die Aussicht.

Hätte Kleist seinerzeit Wolfgang Welsch gelesen, dann hätte er sich wenigstens die Kant-Krise ersparen können. Das Buch enthält acht Vorlesungen, basierend auf umfassenden Forschungen, die der Philosoph in dem Buch Homo mundanus – Jenseits der anthropischen Denkform der Moderne veröffentlicht hat. Es ist die "anthropische Denkform" – also das, was Kant Kleist aufzwingt –, wovon man sich befreien muss. Kant lehrt, so Welsch, "dass der Mensch in der Tat das Maß der Welt bildet. Alle Gegenstände sind ein Reflex des menschlichen Zugriffs auf die Welt."

Diese These habe ich, anders als Welsch, für "kritisch" in dem Sinne gehalten, dass sich kein Mensch einzubilden braucht, über die Beschränkung, die er selber ist, hinauszukommen. Für Welsch ist das eine beschränkte Theorie, die in aller Hybris den Menschen zum Maß der Dinge macht. Auch Nietzsche, der für Welsch einer der Extremisten der "anthropischen Denkform" ist, war in meinen Augen vor allem ein Spötter der Selbstüberhebung des Glaubens, der sich als "objektiv" geriert. Welsch erinnert daran, dass Hegel einem vom Menschen selbst gemachten Weltbild widersprach. Dabei fällt ein Satz, der uns Hegelianern schmeichelt: "Wer (außer ein paar vernünftigen Leuten) mag schon Hegel folgen?" Der Kritizismus, folgt man Hegel, ist bloße Mutlosigkeit, der Mensch, der bei Sinnen ist, erkennt seiner Möglichkeit nach – gleichsam im göttlichen Auftrag – die Welt, wie Gott sie geschaffen hat. Natürlich ist es nicht diese theologische Perspektive, die Welsch im Sinn hat, es ist eine naturwissenschaftlich-evolutionäre. Wir sind von dieser Welt, und indem wir uns auf sie beziehen, betreibt sie ihre Selbsterfassung: "In unserem Erkennen erfasst sich die Welt." Spielverderber, also Fachleute, haben mich daran erinnert, dass es so schon bei Rupert Riedl oder Gerhard Vollmer steht. Man lese, um sich ein Bild zu machen, Welsch, Riedl und Vollmer!