Hakennase im feisten Gesicht, drei Knöpfe mit Davidsternen am Ärmel des Cutaway, der sich um einen prallen Körper spannt. Der Fettwanst stopft gierig riesige Bissen aus vollen Schüsseln in sich hinein. Eine servile Kreatur schenkt ihm edle Tropfen nach. Daneben kauert ein ausgezehrter und zerlumpter Hungerleider vor einem abgenagten Knochen auf dem leeren Teller. Angesichts des großen Fressens läuft ihm das Wasser im Mund zusammen. Ein mehr als abgeschmacktes Tableau.

Diese gezeichnete Figurenanordnung gehört nicht erst seit dem Nationalsozialismus zum Standardrepertoire der antisemitischen Hetzpropaganda, Unterabteilung raffendes Kapital. Zu größerer Raffinesse ist die rassistische Fantasie offensichtlich nicht fähig. Unzählige Male fand sich diese Kritzelei in Nazipublikationen, auf Flugblättern und Plakatwänden. Sie war eines der beliebtesten Sujets im Dunstkreis der Judenfresser, eine 08/15-Pose der antisemitischen Pornografie.

Und so, wie sie damals die grobschlächtigen Aggressionen anheizen sollte, fand sich die Hetzzeichnung nun am Wochenende auf der Facebook-Seite von Heinz-Christian Strache, auf welcher der freiheitliche Parteichef seiner Freundesschar im Internet (gegenwärtig über 118.000 Gefolgsleute) sein Gedankengut näherbringen möchte. Damit sollte eine Eintragung zum aktuellen FPÖ-Slogan "Unser Geld für unsere Leut" illustriert werden. Natürlich beteuerte Strache sofort, als heftiger Protest ob der kruden grafischen Entgleisung laut wurde, er sei selbstverständlich kein Antisemit, und alle Lautsprecher aus der Parteizentrale dröhnen, es sei eine böswillige Unterstellung, in der Internetveröffentlichung eine antisemitische Tendenz ausmachen zu wollen. Generalsekretär Harald Vilimsky behauptet beispielsweise, wer in einer Hakennase ein antijüdisches Stigma zu erkennen glaube, sei selbst ein Antisemit. Weitere eklatante Blödheiten in diesem Skandälchen werden höchstwahrscheinlich von dem Facebook-Publizisten Strache und dessen Gesinnungsfreunden nachgeliefert. Spätestens, wenn die Angelegenheit bei seinem Sommerinterview, das nächste Woche im ORF auf dem Programm steht, zur Sprache kommt. Dann wird er sich mit einem sinnentleerten Wortschwall reinzuwaschen versuchen.

Wahrscheinlich beflügelte Strache bei seiner Internet-Rüpelei auch gar kein offen antisemitisches Motiv. Der Mann lässt ja denken. Er ging lediglich der antisemitischen Häme eines seiner Helfershelfer auf den Leim, der gerade den Facebook-Auftritt des Parteichefs betreute. Die veröffentlichte Zeichnung ist nämlich die hetzerische Version einer alten, auch nicht viel intelligenteren Karikatur (ohne Davidsterne und mit Knollennase), die aus dem globalisierungskritischen Lager stammt. Antisemitisch zugespitzt, kursiert das Bild auf rechtsradikalen Internetseiten. Und dort lustwandeln die freiheitlichen Hilfskräfte offenbar mit Vorliebe. Viele wurden aus dem Reservoir der schlagenden Burschenschaften rekrutiert, wo der Kellernazi-Ton die Umgangssprache zu sein scheint.

Mit einer Entschuldigung für den peinlichen Fehler, einem Rüffel oder besser noch mit einem Rausschmiss wäre die Affäre binnen Stunden beigelegt gewesen. Stattdessen versucht die freiheitliche Führungscrew, so wie das Stammvater Jörg Haider immer getan hat, das Offensichtliche in Rechtfertigungstiraden in Abrede zu stellen. Und niemand hindert sie daran.

Dadurch wird die Affäre zum Eklat. Die Stützen des politischen Systems urlauben in seliger Ignoranz. Es findet sich kein Regierungsmitglied, es findet sich überhaupt kein Politiker von Format, der es der Mühe wert fände, sich namens der Republik dagegen zu verwahren, dass antisemitische Pöbelei im Österreich des Jahres 2012 noch immer irgendwie salonfähig ist. Denn genau das ist es, wenn kein einziger namhafter Repräsentant des Staates den jüdischen Organisationen zur Seite steht, die sich gegen diesen Angriff wehren.

Es ist keine Kleinigkeit, wenn antisemitisches Geschmiere im Namen des Anführers einer nennenswerten parlamentarischen Partei veröffentlicht wird – und sei es nur im Internet, wo die Anzüglichkeit ohnehin im Datenmüll bald verschwindet. Es ist auch kein einmaliger Fehltritt, sondern lediglich das letzte Vergehen in einer langen Reihe von Verfehlungen. Es ist ebenfalls keine "Jugendsünde", wie ein sozialdemokratischer Regierungschef die einschlägigen Aktivitäten des jungen Herrn Strache zu verharmlosen pflegte. Es ist vielmehr ein Affront wider das Ansehen eines Landes, das ohnehin jahrzehntelang große Schwierigkeiten damit hatte, den braunen Schatten seiner Vergangenheit hinter sich zu lassen.

In nahezu jeder Gesellschaft nisten in sozialen Nischen Gruppierungen, die sich einem zutiefst ressentimentbeladenen Gedankengut verschrieben haben. Kaum eine zivilisierte Gesellschaft toleriert hingegen, wenn es einfach hingenommen wird, dass diese Gruppen Einfluss auf das demokratische System gewinnen. Österreich schon. Den Rücktritt von FPÖ-Chef Strache zu fordern wäre eine unsinnige Pflichtübung. Aber es wäre immerhin ein guter Anfang, ihm den Handschlag zu verweigern, solange antisemitischer Dreck an seinen Fingern klebt.