Die Eröffnung der UFA-Filmnächte fällt auf einen Regentag. Deshalb dauert der Empfang in der Bertelsmann-Repräsentanz Unter den Linden länger als geplant, denn die vom Neuen Kammerorchester Potsdam begleitete Vorführung des Walther-Ruttmann-Klassikers Sinfonie der Großstadt soll im Freien stattfinden. Vor der breiten Glasfront des Hochparterres wartet der provisorische Kinosaal, gleich dahinter ragt Karl Friedrich Schinkels Friedrichswerdersche Kirche auf. Es lässt sich kaum etwas Solideres denken als dieser neugotische Backsteinbau, und doch strahlt er so unmittelbar neben Freilichtbühne und innerstädtischer Brache die ganze Phantasmagorie des Historismus aus. "Der freie Platz wird demnächst bebaut", klagt André Hercher, der Gesellschaftsfotograf. "Aber wenn das so lange wie beim Flughafen dauert...", kontert eine Freundin von Kirsten Niehuus. Die Chefin der Berlin-Brandenburgischen Filmförderung unterhält sich blendend an diesem Abend. "Man würde es nicht glauben", sagt sie, als der Regen schließlich aufhört und es zur Vorführung hinausgeht, "aber ich habe in den letzten Stunden richtig viel gearbeitet." Ihr Budget vergibt sie "nach dem Intendantenprinzip", und mancher spekuliert darauf, unter ihren Fittichen einen Erfolg wie jüngst Barbara zu landen, den sie in der Oscar-Auswahl zu platzieren hofft. "Eigentlich geht es nur darum, überhaupt die Aufmerksamkeit eines anderen zu gewinnen", sinniert Kirsten Niehuus. "Jeder hat seine Masche. Ich kenne zum Beispiel einen, der immer mit einem Vorwurf auf mich zukommt."

Doch das Networking in diesem architektonischen Nachfolgebau der alten Titelschen Kommandantur beschränkt sich nicht auf die Filmbranche. Auch Isa Gräfin von Hardenberg ist dabei und wird sogleich zum Brennpunkt angeregter Mitteilungen aus einer Welt, die von altpreußischen Adelsnamen schillert. "Kleists Grab", intoniert eine distinguierte Herrenstimme, "weil das unsere Aufgaben sind." Ich werde neugierig, es geht um "Probleme, die man langfristig lösen muss". War das Grab nicht gerade zum Kleist-Jahr neu gestaltet worden? Doch das Gespräch driftet schon weiter: "Termine, Termine, Termine! Und dabei will ich mich nur um mein dickes Buch kümmern: Band drei, ›Die öffentlichen Grabdenkmäler‹. Ich bin Präsident der Gesellschaft, muss in den Landesgruppen eröffnen, Festansprachen halten..."

So ein Prosecco-Abend löst die Zunge, und was sich als Erstes artikuliert, ist die allgemeine Überforderung. In diesem Punkt herrscht Einigkeit bei allen, die es auf die Gästeliste schafften. Lisa Martinek erhält Komplimente für ihre schlanke Figur. Vor einem halben Jahr ist sie zum zweiten Mal Mutter geworden. "Das liegt teils an den Genen", sagt sie bescheiden und klagt dann doch charmant von der großen Belastung, Beruf und Elternschaft zu verbinden. Aktuell dreht sie Hochzeiten mit Senta Berger, die "immer noch wunderschön und sehr witzig" ist. "Ist das der im Knast?", fragt jemand neben mir. "Genau, der Staatsanwalt, der mich da so angreift, der ist neu." Aha: SOKO Leipzig , der Freitagskrimi. Marco Girnth, der schon im elften Jahr zur Stammcrew zählt, sichert das Apérolglas, das mir aus der Hand zu gleiten droht, ganz der vorausschauende Polizeioberkommissar. Wann machen Sie die Aufnahmen denn?, frage ich salopp, immer montags? Girnth verdreht die Augen, denn SOKO Leipzig ist ein Vollzeitjob. Dafür gibt es sicher bergeweise Verehrerpost? Wollen die Mädchen ihn nicht reihenweise heiraten? Er schüttelt fassungslos den Kopf. Fans, lässt er wissen, als handele es sich um eine seltene Insektenart, die gibt es nicht. Von den Niederungen der Glamourberufe können auch Andrea Cleven und Karim Chérif ein Liedchen singen. Mit tragikomischem Lächeln erzählt die Schauspielerin von ihrem ersten Vorsprechtermin an der Ernst Busch-Schule, wo sie mit Ophelia und Antigone krachend durchfiel. Chérif, der als Kind algerisch-französischer Eltern in Frankfurt am Main aufwuchs, hat sich zuerst jenseits des Rheins versucht: "Aber da ist die Konkurrenz zu groß, da wollen alle Schauspieler werden." Zu seinem Metier ist er durch Chaplins The Kid gekommen. "Ich habe es nachgespielt, das heißt, vor allem habe ich Fenster eingeworfen." Hat er auch Parcours gemacht, diese aus Frankreich stammende Extremsportart für Stadtanarchisten? "Wir nannten das damals Autolaufen", sagt er mit breitem Grinsen, "wir wussten noch nicht, dass das auch die Wände hochgeht."