Eine Note schärfer

Manchmal wird es selbst Alexander Münch zu viel, die Sache mit der Säge zum Beispiel. Der Sohn der Klientin, fünfte Klasse, sollte bei der Vorbereitung des Schulfests helfen, ein Stück Holz musste zerteilt werden, mit ebendieser Säge. Diese, so sieht es die Mutter, sei ihrem Sohn vom Lehrer gegeben worden, um ihn vorsätzlich in Gefahr zu bringen. Verletzt hatte sich niemand, trotzdem sprach sie von Mobbing und verletzter Aufsichtspflicht. Eigentlich ging es um viel mehr. Ums Sitzenbleiben, um die Frage, ob der Sohn eine Empfehlung fürs Gymnasium bekommt oder nicht. Und weil sich die Mutter nicht anders zu helfen wusste, hat sie Alexander Münch angerufen. Er ist Anwalt, Schulrechtsexperte, der Streit zwischen Eltern und Lehrern ist sein Geschäft.

Meinungsverschiedenheiten, hitzige Diskussionen, halbherzige Schlichtungsversuche – kurz nach der Eskalation klingelt bei Alexander Münch das Telefon, oft hat sich dann schon einiges aufgestaut. In seiner Kanzlei kann man sehen, wohin es führen kann, wenn die Vorstellungen von Eltern und Lehrern aufeinanderprallen – und es keine Einigung gibt. Klagewütige Eltern sind kein Massenphänomen, aber doch entdecken immer mehr Anwälte diese Zielgruppe für sich.

Alexander Münch sitzt jetzt in seinem Hamburger Büro, er ist jung, 33 Jahre, schmales, feines Gesicht, zarte Schultern. Sein Alter sei zu Beginn der Gespräche mit den Eltern manchmal ein Problem, und auch, dass er keine Kinder habe. Er wisse, sagt er, was viele Eltern denken, wenn sie zu ihm in die Kanzlei kommen: Kann dieser junge Spund sich in unsere Sorgen hineinversetzen, unsere Emotionen und Gefühle verstehen?

Auch heute wartet er auf ein Elternpaar und dessen Tochter. Er weiß noch nicht viel über diesen Fall, nur dass es um die Abiturnote geht. Die Familie kommt eine Viertelstunde zu früh. Ein Ehepaar mit italienischen Wurzeln, "ehemalige Italiener", sagt der Vater, seit 1980 lebt er in Deutschland. Alle haben einen deutschen Pass, für ihre Tochter möchten sie nur das Beste. Das heißt Abitur, und das ist in Gefahr.

Mittlerweile kommt nicht mehr nur das klassische Bildungsbürgertum aus Hamburg-Eppendorf und -Blankenese zu Münch. Heute finden auch Eltern den Weg in seine Kanzlei, die selbst kein Abitur gemacht und nicht studiert haben. Vor vier Jahren hat sich Münch auf Bildungsrecht spezialisiert. Damals, nach seiner Examenszeit, hatte sein Repetitor reihenweise die Staatsexamensarbeiten seiner Kommilitonen angefochten. Sehr oft erfolgreich. "Das hat mich fasziniert", sagt Münch. "Wie wär’s, wenn wir eine Bildungskanzlei aufmachten", hatten beide zusammen überlegt. Heute gibt es die Kanzlei Hansen & Münch, zentrale Lage in der Hamburger Innenstadt, gläserner Aufzug, schöne Fassade. Es läuft gut für Münch, Bildungsrecht ist ein boomender Markt. Allein im Bereich Schulrecht landen jedes Jahr 100 Fälle auf seinem Schreibtisch. Er könne sich zwar "keine Villa auf Sizilien leisten", aber er möge sein Fachgebiet: "Es menschelt sehr." Tränen fließen, Träume zerplatzen – oder werden doch noch erfüllt. Wenn es um Schule und Bildung geht, sind immer Emotionen im Spiel, das gefällt ihm.

Zu viert sitzen sie nun am Tisch. Münch hat den Füller gezückt. Die Tochter trägt eine weiße Bluse, der Vater ein blaues Polohemd. Alle am Tisch wissen, die Zukunft des Mädchens ruht auf Alexander Münchs schmalen Schultern. Schon zweimal ist sie bei den Abiturprüfungen durchgefallen. Diesmal ist es ihre letzte Chance. Vor ihr, in einem Schnellhefter, liegt ihr Abschlusszeugnis – kein Abitur. Mit diesem Zeugnis kann sie sich nicht an der Uni bewerben. Sie haben es ihr einfach in die Hand gedrückt: "Ich hatte kaum Zeit zu protestieren", sagt sie. Sogar ein Stipendium hatte sie für ihr Studium schon in Aussicht. Sie wird es nur bekommen, wenn Münch Erfolg hat.

"Dann erzählen Sie mal", sagt er. Das Mädchen beginnt zu reden, erst stockend, dann sprudeln die Wörter aus ihr heraus. Das Problem: die Deutsch- und Englischprüfung. Beide Male sind die Sündenböcke die Lehrer; der Stoff wurde nicht durchgenommen, aber abgefragt; der andere Kurs durfte die Lektüre mit in die Prüfung nehmen, sie aber nicht. "Unglaublich", sagt Münch, macht sich Stichpunkte auf seinem Notizblock. Dieser Fall ist ein guter für ihn: Die Verfahrensfehler der Lehrer sind offensichtlich und nachweisbar. Das macht es für ihn leichter.

Nächstes Projekt: Kita-Klagen

"Der Lehrer ist blöd", sagt die Tochter. "Wir haben noch eine andere Tochter auf der Schule", sagt ihr Vater. Und Münch sagt: "Wir sollten kein Porzellan zerschlagen." In erster Linie gehe es jetzt um das Abitur und nicht darum, den Lehrer fertigzumachen. "Ich bin keiner, der vor Gericht große Reden schwingt", sagt Münch. Er ist kein Typ, der auf Krawall aus ist, auf Konfrontation. Er ist eher Diplomat, die leisen Töne liegen ihm mehr.

Zunächst soll die Schülerin ein Protokoll schreiben, den Ablauf der Prüfung, die Vorbereitung, das, was sie gesagt hat, und die Antworten des Lehrers. "Bitte möglichst detailliert und neutral", sagt Münch.

Es geht immer um viel, sehr viel. Auch das macht den Job spannend für Münch. Den Eltern, die zu ihm kommen, ist Bildung sehr wichtig. Dafür sind sie bereit, Geld auszugeben. Für eine Prüfung berechnet Münch ihnen im Schnitt 600 Euro, heute geht es um zwei Prüfungen, das macht 1200 Euro. Sein Honorar misst sich an der Frage: Wie viel Geld ist ein Abitur wert? "Streitwert" nennen das die Juristen. Der Wert für ein Abitur liegt bei 5000 Euro, nicht mehr als ein gebrauchter Kleinwagen. Münch geht kurz raus, seine Assistentin soll die Verträge fertig machen.

Gut die Hälfte der Fälle gewinnt Münch, versprechen kann er nichts. Manchmal, nicht sehr oft, lehnt er auch ein Mandat ab. Wenn er schon nach dem Vorgespräch weiß, dass es keine Chance gibt, den Fall zu gewinnen. "Manchmal überschätzen die Eltern auch meine Möglichkeiten", sagt er. Vielen Eltern falle es nicht leicht, zu akzeptieren, dass der Sohn oder die Tochter einfach nicht aufs Gymnasium gehört. Dann hört er Geschichten wie die von der Säge – und weiß, dass die Mutter vor allem eines möchte: ihren Sohn im Gymnasium sehen.

Aber diesmal hat er ein gutes Gefühl. Erst wird er Druck machen, der Schule die Verfahrensfehler erläutern und einen Ausgleich vorschlagen. Dafür setzt er sich mit Eltern, Lehrern und Schulamt an einen Tisch. Er weiß, wenn er gerufen wird, sind die Fronten schon sehr verhärtet. Ein bisschen fühlt er sich dann als Mittler, als Übersetzer zwischen den beiden Parteien: "Natürlich vertrete ich in erster Linie die Eltern, aber ich verstehe auch häufig die Situation der Lehrer." Oft hat er bei diesen Gesprächen Erfolg. Von seinen Fällen landet nur etwa jeder fünfte vor Gericht. Die wenigsten Lehrer und Schulen wollen so weit gehen.

Bei seinen Fällen geht es viel um Kompetenzen, ihre Überschreitungen und das Einhalten von rechtlichen Vorgaben: Darf der Direktor einen Schüler von der Schule verweisen, weil er auf der Toilette Feuer gelegt hat? Kann der Lehrer einen Schüler von der Klassenfahrt ausschließen, weil er sich vor der Schule geprügelt hat? Aber auch: Hatten bei der Klassenarbeit alle Schüler die gleichen Voraussetzungen? Lief die Verteilung der Grundschulplätze gerecht ab? Früher wäre niemals jemand auf die Idee gekommen, Noten juristisch anzufechten, sagt Münch, heute sei das anders: "Bei meinen Kindern würde ich zur Not auch klagen."

"Wenn’s nicht klappt, haben wir 1200 Euro aus dem Fenster geworfen", sagt der Vater und zuckt mit den Schultern. Münch kommt zurück und schiebt den Vertrag über den Tisch. 200 Euro kommen noch dazu, Mehrwertsteuer. Der Vater schluckt. Und unterschreibt.

Der Anwalt setzt sich jetzt an sein nächstes Projekt: Kita-Klagen. Von 2013 an sollen Eltern einen Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz haben. Gerade bastelt Münch an einer Homepage. Wenn die Regierung bei dem aktuellen Gesetz bleibt, wird auch das für ihn ein gutes Geschäft.