Hinter vorgehaltener Hand nennen die Schwestern ihn den "Geist". Der Oberarzt von Carsten Hille* ist nur selten auf seiner Station. "Er kommt früher als alle anderen, geht in sein kleines Labor, zwischendrin macht er Visite, dann geht er wieder zurück und forscht", sagt Hille, Arzt in einem Universitätsklinikum in Süddeutschland. Er selbst versucht ebenfalls zu forschen. Aber als Stationsarzt kann er nur nach Feierabend und an freien Tagen ins Labor, tagsüber ist er mit den Patienten beschäftigt. Ab und zu haben Hille und sein Oberarzt Veröffentlichungen in kleineren Fachmagazinen, wirkliche Erfolge aber stellen sich nicht ein. Kein Wunder: Die Art und Weise, wie Hille und sein Oberarzt forschen, gehört längst einem überholten Modell an.

"Morgens im kleinen Labor forschen, nachmittags auf Station Visite machen, das ging früher vielleicht noch", sagt Jens Scholz, Vorstandsvorsitzender des Uni-Klinikums Schleswig-Holstein. Aber angesichts der weltweiten Konkurrenz und der gestiegenen Anforderungen komme dabei zu wenig rum. Wer heute in der medizinischen Forschung etwas erreichen wolle, der müsse mit mehreren Fachdisziplinen zusammenarbeiten und sich vernetzen. "Man braucht Geräte, die viel Geld kosten, und Kooperationen zwischen verschiedenen Kliniken und Instituten, um überhaupt etwas zu erreichen", sagt Scholz.

Darauf versucht sich seine Uni-Klinik einzustellen. Statt viele kleine "Kellerprojekte" zu fördern, hat man in Kiel, Lübeck und anderswo größere Plattformen aufgebaut, um die Forschung zu bündeln: Eigenständige Gebäude auf dem Gelände der Universitätsmedizin sollen die Infrastruktur und Ausstattung bereithalten, um in der globalen Liga der Wissenschaft mitzuspielen. Bekam früher jedes kleine Labor eine eigene medizinisch-technische Assistentin (MTA), teilen sich heute in den Zentren größere Gruppen von Medizinern und Biologen nicht nur die Ausstattung, sondern auch die MTAs. Einzelne medizinische Fachbereiche können so an größere Projekte in den Forschungszentren "andocken", um relevante Fragestellungen in Angriff zu nehmen, die sich mit einer Handvoll Medizinern nicht realisieren ließen.

Der Ärztemangel macht neue Strukturen notwendig

Die neuen Strukturen wirken sich auch auf die Krankenversorgung an der Uni-Klinik aus: Der Patient sieht wie zuvor täglich seinen Arzt; aber der Arzt, der die Patienten behandelt, eilt nicht mehr zwischendurch ins Labor, sondern bleibt den ganzen Tag bei der Krankenversorgung. "Das Motto ist nicht ›Forschung und Krankenversorgung‹, sondern ›Forschung oder Krankenversorgung‹", sagt Scholz. "Diejenigen Mediziner, die forschen wollen, stellen wir heute dafür frei, anders ginge es gar nicht." Dadurch forscht zwar nicht mehr jeder Arzt – die es aber tun, machen es konzentrierter.

Auch die Universitätsklinik in Leipzig bündelt ihre Kräfte – unter anderem deshalb, weil die Forschung nicht allein aus Landeszuschüssen finanziert werden kann. Leipzig hat sich bei Geldgebern aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik um Drittmittel beworben – in zwei Fällen besonders erfolgreich: Mit Mitteln der Europäischen Union und des Freistaats Sachsen wird jetzt mit 40 Millionen Euro ein Zentrum für Zivilisationserkrankungen gefördert, seit Kurzem ist an der Universitätsklinik auch eines von acht sogenannten Integrierten Forschungs- und Behandlungszentren (IFB) ansässig. "Für das Zentrum bekommen wir in fünf Jahren 25 Millionen Euro Förderung", sagt der Dekan der medizinischen Fakultät in Leipzig, Joachim Thiery. Ärzte werden zum Forschen mindestens ein Jahr freigestellt.

Die Trennung zwischen Forschung und Krankenversorgung an den Uni-Kliniken wird auch durch den Ärztemangel und die Gesundheitsreform befördert. Heute müssen weniger Ärzte die Patienten schneller behandeln. Den personellen Spagat, dass etliche Ärzte auch noch mit einem Bein in der Forschung stehen, können sich die Kliniken nicht mehr leisten. Schließlich ist die Krankenversorgung für die Uni-Kliniken die finanziell tragende Säule, während das Geld für die Forschung knapper wird. Trotzdem ist die Wissenschaft gerade für exzellenten Ärztenachwuchs reizvoll.