Die Zahlen sind beeindruckend. 12.715 Stiftungen waren 2011 in der Schweiz aktiv. 374 gemeinnützige Stiftungen wurden im vergangenen Jahr gegründet, und das Vermögen aller klassischen Stiftungen beträgt mehr als 70 Milliarden Franken.

Quicklebendig ist nicht nur die Stiftungsszene, sondern sind auch wir, die Stifter selbst, die das positive Ergebnis unseres Engagements noch zu Lebzeiten sehen wollen. Ganz im Sinne der schon 1889 vom Stahl-Tycoon Andrew Carnegie geäußerten Mahnung, die er in seinem Buch Das Evangelium des Reichtums zu Protokoll gab: "Wer reich stirbt, stirbt in Schande."

Philanthropen von heute wollen nicht mehr nur "geben", sie wollen "etwas erreichen und Probleme lösen", wie es Bill und Melinda Gates formulieren. So wurde 2009 bei einem von David Rockefeller organisierten Abendessen die Idee des giving pledge aus der Taufe gehoben. Bis heute haben sich rund hundert der vierhundert amerikanischen Milliardäre entschlossen, die Mehrheit ihres Vermögens zu Lebzeiten oder spätestens nach ihrem Tod guten Zwecken zu widmen. Im Fall des Erfinders der Idee, Warren Buffet, sind dies immerhin rund 40 Milliarden Dollar.

Giving pledge ist aber mehr als ein Spender-Versprechen. Die Urheber wollen weltweit Philanthropen zusammenbringen, damit diese voneinander lernen und sich austauschen können. Dass beim giving pledge auch die Person des Spenders sichtbar ist, widerspricht jedoch unseren Schweizer Tugenden wie Bescheidenheit und Zurückhaltung. In ihrer reinsten Form verkörpert durch den "Basler Daig", dessen vornehmes Stillschweigen über die eigenen guten Taten mindestens so berühmt ist wie das Schweizer Bankgeheimnis.

Nicht weil ich unbescheiden bin, sondern weil ich mit unserer Müller-Möhl Foundation auf Missstände aufmerksam machen will, um die sich selbst hierzulande Staat und Privatwirtschaft zu wenig kümmern, plädiere ich für ein radikales Umdenken und sage: "Tue Gutes, und sprich darüber." Es gibt nämlich noch viel zu tun. Trotz berühmter Stifterfamilien macht die jährliche Summe aller Privatspenden bei uns nur gerade 0,5 Prozent des BIP aus. In den USA sind es 1,7 Prozent.

Traditionelle Wohltäter sind spätestens nach dem Buch Dead Aid der Ökonomin Dambisa Moyo, welches das Ende des einfachen Gebens und somit der klassischen Entwicklungshilfe propagiert, aus der Mode gekommen. Wir als moderne Philanthropen verstehen uns als soziale Investoren, die nicht nur finanzielle Mittel, sondern auch unternehmerische Erfahrung, Zeit und unser Netzwerk für die Erarbeitung nachhaltiger Lösungen zur Verfügung stellen. So gibt die Gates-Stiftung nicht bloß Geld für die Beschaffung von Medikamenten gegen Malaria, sondern kümmert sich von der Grundlagenforschung bis zum Verteilungssystem für das Heilmittel um die ganze "Wertschöpfungskette". Die klassische Trennung zwischen Unternehmertum und wohltätigem Stiften verschwimmt.

Solch Stiftungen werden für die Gesellschaft immer wichtiger, weil sie Dank ihrer Unabhängigkeit innovativer handeln und gesellschaftliche Probleme unbürokratischer angehen können als der Staat. Auch wenn dies den aufrechten Eidgenossen mit ihrem direkten Demokratieverständnis etwas suspekt ist. Behörden und öffentlich-rechtliche Anstalten wie Universitäten müssen lernen, das Engagement von Stiftungen und Privaten zu begrüßen und nicht – wie ich es leider immer wieder erlebe – als Bedrohung für ihr Gärtchen anzusehen.

Vor allem aber muss die Schweiz ihren Stiftungsstandort mit seinen optimalen Rahmenbedingungen maximal nutzen. Dazu müssen sich die Philanthropen besser vernetzen, und das Miteinander von öffentlichen Institutionen und privaten sozialen Investoren muss eine Selbstverständlichkeit werden.

Philanthropie macht Freude! Und ich bin sicher – in jedem von Ihnen steckt ein Philanthrop!