DIE ZEIT: Herr Naumann, das Steuerabkommen mit Deutschland ist wohl tot. Schweizer Politiker und Bankenvertreter geben sich betont gelassen. Ist diese Gelassenheit berechtigt?

Matthias Naumann: Der Schweizer Finanzplatz wird deswegen jedenfalls nicht untergehen. Schon heute stammt mehr als die Hälfte der bei uns verwalteten 2.000 Milliarden Franken nicht aus Ländern, mit denen wir ein Steuerabkommen haben oder in naher Zukunft eines haben werden. Laut unseren Prognosen werden es in drei Jahren sogar schon zwei Drittel sein. 1.000 Milliarden kommen im Übrigen aus der Schweiz selbst. Trotzdem, ein Scheitern des Steuerabkommens mit Deutschland wäre sehr schade, weil wir so mit der Vergangenheit nicht endlich abschließen können.

ZEIT: Ihre Beratungsfirma hat jüngst einen Bericht veröffentlicht. Darin heißt es: Bis 2014 werden 248 Milliarden Franken oder 28 Prozent der verwalteten Offshore-Vermögen aus der Schweiz abgezogen. Sie sehen rund 15.000 Arbeitsplätze gefährdet. Was ist zu tun?

Naumann: Da wird man wenig machen können. Darauf kann man sich nur einstellen. Das Private Banking steht vor dem größten Strukturwandel der letzten Jahrzehnte. Die Margen werden weiter sinken, und das bisherige, interessante Geschäftsmodell ist am Ende.

ZEIT: Sie meinen das Geschäftsmodell, das auf Steuerflucht basiert hat?

Naumann: Nein, das Gros der Kunden hat sein Geld in der Schweiz nicht angelegt, um Steuern zu hinterziehen. Es schätzte die Rechtssicherheit, die politische Stabilität, den Zugang zu einem entwickelten Finanzmarkt und die Vertrauenswürdigkeit der Banken, die sie sich in 250 Jahren erarbeitet haben. In den letzten Jahren haben sich aber die regulatorischen Rahmenbedingungen stark verschärft, und der Markt hat sich verändert, sodass Banken heute neue Geschäftsmodelle brauchen. Das one size fits all-Modell funktioniert nicht mehr. Heißt: Die Banken können sich nicht mehr darauf verlassen, Kundengelder auf der ganzen Welt einfach nur einzusammeln und diese einheitlich zu verwalten. Die gestiegenen regulatorischen Anforderungen bedeuten für die Banken eine massive Veränderung ihres Geschäftsmodells. Sie müssen sich sehr spezialisieren und sowohl ihr Produktangebot wie auch die Services auf die Bedürfnisse der Kunden und Bestimmungen in den Herkunftsländern anpassen.

ZEIT: Wie wird die Schweizer Bankenlandschaft in fünf Jahren aussehen?

Naumann: Es wird zu Konsolidierungen kommen. Wir sehen das jetzt schon, es gibt namhafte Verkäufe und Fusionen. Und viele kleinere Banken überlegen sich heute, ihre Bankenlizenz zurückzugeben. Das gab es früher gar nicht. Deswegen bauen gerade einige Anwaltskanzleien Know-how auf, wie man eine Lizenz zurückgibt. Das ist nämlich gar nicht so einfach. Ja, viele der kleineren Banken werden verschwinden.

ZEIT: Ein Banker verdient heute schon nicht mehr so viel wie früher.

Naumann: Stimmt, und es wird noch weniger werden. Wer nicht mehr so viele Erträge hat, kann diese auch nicht mehr an seine Mitarbeiter weitergeben.

ZEIT: Wird sich die Schweiz je befreien können vom Image der Steueroase und des Schwarzgeldparadieses?

Naumann: Wissen Sie, je weiter man weggeht, umso besser ist es um den Brand Schweiz bestellt. Ein Mann aus Südamerika, Asien oder dem Nahen Osten legt sein Geld nicht aufgrund von Steuervorteilen in der Schweiz an. Dennoch, dass wir dieses schlechte Image bei unserem wichtigsten Handelspartner Deutschland haben, ist ärgerlich. Das gilt es zu korrigieren.

ZEIT: Für einen Außenstehenden handeln die Vertreter des Schweizer Finanzplatzes relativ unkoordiniert. Man maßregelt sich zum Beispiel in der Öffentlichkeit. Warum ist das so?

Naumann: Ich möchte mal so antworten: Was macht einen Finanzplatz stark in der Krise? Wenn die drei wesentlichen Akteure, der Regulator, die Banken und die Politik, an einem Strang ziehen. Ich wünschte mir, die Schweiz würde in diesen Fragen auch endlich zusammenstehen. Wir sind zu stark mit uns selbst beschäftigt. Davon profitieren andere Finanzplätze. Wenn ich nach Großbritannien blicke, macht das Vereinigte Königreich in dieser Hinsicht seinem Namen alle Ehre.

ZEIT: Wie wichtig ist das Bankkundengeheimnis für einen erfolgreichen Finanzplatz?

Naumann: Es ist nicht entscheidend. In Delaware in den USA kann man ein Bankkonto per E-Mail eröffnen, ohne seinen Pass zu zeigen.

ZEIT: Wie wichtig sind die Banken eigentlich für den Wohlstand des Landes?

Naumann: Es gibt keine erfolgreiche Volkswirtschaft ohne Banken. Das wird heute bei all diesem Bashing ein bisschen vergessen. Die Banken sind der essenzielle Intermediär und finanzieren die starken mittelständischen Unternehmen, die unser Land wesentlich stützen.

ZEIT: Haben Sie in den letzten Jahren manchmal gedacht, die Schweiz hätte sich einiges an politischem Druck erspart, wäre sie vor 20 Jahren dem EWR beigetreten?

Naumann: Gute Frage. Ich war damals 22 Jahre alt und wollte, dass die Schweiz in die EU geht. Heute aber muss ich sagen: Wir sind auch ohne europäische Einbindung sehr gut gefahren. Wir sind das einzige Land, das die Maastrichtkriterien erfüllt. Wir sind das einzige Land, das Schulden abbauen kann. Wir sind das einzige Land mit einer sehr starken Währung. Darauf kann man als Schweizer ruhig mal stolz sein. Und deshalb bin ich zuversichtlich, dass der Schweizer Finanzplatz auch diese Krise überstehen wird.

ZEIT: Dieser Erfolg weckt Neid.

Naumann: Ja. Wir werden lernen müssen, mit ständigem politischem Druck aus dem Ausland gelassener umzugehen. Der wird angesichts der Schuldenkrise sicherlich nicht weniger werden.