»Ich weiß nicht einmal, was ich da gerade sage.« Ist Chan Marshall rausgerutscht, der Satz. Ihre Stimme flattert dabei so verloren durchs Telefon, als könnten bereits diese wenigen Worte mehr erzählen, als ihr lieb ist. Dabei kennen wir die Künstlerin doch nicht anders. Chan Marshall alias Cat Power schien uns immer schon zuzuwispern: Wie ist das mit deinen Ängsten und Unsicherheiten? Haben wir schon über unsere dunkelsten Seiten gesprochen?

Heute sitzt sie in einem Hotelzimmer in Tokio, gibt Interviews zu ihrem neuen Album Sun und sinniert dabei über den Mond und die Menschheit und das Universum, dem sie dankbar ist für all die wundervollen Songs, die ihr geschenkt wurden, auf dass sie sie hören und singen durfte. Das alles mit einer Stimme, die sich in ihrer kratzigen Verschwommenheit von den angesagten Retrosoul-Diseusen wohltuend unterscheidet, die nie zu schön klingt, um einfach diesen wohligen Schauer aus dem Rezeptbuch der Popmusik zu reproduzieren. Die aber immer schon hinreichend schön und beseelt klang, um Irritation zu stiften.

Das ist ihr auch auf Sun wieder bestens gelungen. Vier Jahre lang hat Cat Power das Publikum auf neue Songs warten lassen, unter den Bedingungen eines digital forcierten Marktes eine Bankrotterklärung, wenn man nicht gerade Bob Dylan heißt. Der Antrieb sei stets da gewesen, sagt sie, aber die Songs, die über die Zeit in verschiedenen Studios auf zwei Kontinenten entstanden, hätten erst zuletzt ihren Sound gefunden. Sun ist eine weitere Expedition in das wild hin und her wogende Kopfkino der Chan Marshall, illuminiert von schweren Bildern des Verlusts, von mächtigem Aufbegehren (»You got a right to scream when they don’t want you to speak«) und kaum decodierbaren Traumsequenzen.


Besonders irritierend: Die neue Cat-Power-Platte hört sich kaum noch wie eine Cat-Power-Platte an. Chan Marshalls Gesang fällt nicht mehr in elegant zurückgenommene Soul-Arrangements, wie sie die klassikerverdächtigen Aufnahmen von The Greatest umspülten, ihre Stimme bürstet nicht mehr gegen raue Gitarrenschraffuren wie noch bei Moon Pix aus dem Jahr 1998, auch steht 2012 kein gemütliches Country-Sofa mehr zur Verfügung. Dafür entdeckte sie in der Arbeit mit dem französischen Produzenten Philippe Zdar musikalische Farben, die auffällig mit ihren schweren Themen kontrastieren; dem Hip-Hop entlaufene Beats etwa und ein süffiges Latin-Piano-Motiv im globalisierungskritischen Popsong Ruin. Auf der anderen Seite des Spektrums steht das elfminütige Rock-Epos Nothing But Time, das wie ein Bono-Song aus der Zeit klingt, als U2 noch keine Megastadien füllten.

Zufrieden klingt anders. Man würde es sich allerdings zu leicht machen, Marshalls Schmerzenslyrik allein mit jenen Beziehungsverarbeitungsqualen in Verbindung zu bringen, die sie ein paar Wochen vor Vollendung des Albums durchlitt – nach der Trennung von ihrem langjährigen Freund, dem Schauspieler Giovanni Ribisi. Vielmehr ist es so, dass bei ihr hinter jeder Geschichte eine andere steht. Manchmal leuchtet ein Satz durch die Soundschichten, manchmal besticht ihre Poesie bloß durch Unschärfe. Aber das muss so sein. »Was wissen wir über unsere Gefühle?«, fragt Chan Marshall und findet plötzlich doch eine Antwort am anderen Ende der Leitung. »Die Trennung fühlte sich wie der Tod an, aber sie tötet dich nicht.«

Die Sorge, diese Königin des Unwohlseins könnte sich eines Tages in die Liste der berühmten Rock-’n’-Roll-Toten einreihen, lässt einen auch heute nicht los. Ein gefährlicher Zug von Selbstzerstörung ist ihr zu eigen, der sie zeitweilig in Konkurrenz zu den Klatschspaltenspitzenreitern Amy Winehouse und Pete Doherty brachte. Der Zusammenbruch im Anschluss an die Aufnahmen zu The Greatest war das vorerst letzte Alarmzeichen aus dem Camp der Künstlerin: 2006 bekam Marshall ihre Alkoholsucht in den Griff. Da war Cat Power schon längst zur Heroine eines neuen Prekariats avanciert, das beim Lecken seiner Wunden in der Melancholie von Blues und Indie-Rock Halt suchte.