Eine Dame fährt vor, weißer Porsche 911. Sie steigt aus, wirft dem Wagenmeister den Schlüssel zu und schreitet durch die Lobby zum Innenhof des Hotels. Säulen säumen den Hof, in der Mitte steht ein Brunnen, in dem Bacchus mit zwei nackten Nymphen tanzt. Es ist heiß an diesem Sommertag, der Patio voller Gäste, die essen und trinken und sich angeregt unterhalten. Na ja, was man so angeregt nennt, denn die Frau im Etuikleid, die nun um den Brunnen stolziert, zieht alle Blicke auf sich. Plötzlich lässt sie die Hüllen fallen, springt in den Brunnen und schmettert eine Arie aus Madame Butterfly. Ein paar Gäste rümpfen die Nase, jemand ruft den Hoteldirektor. Beim Versuch, den Auftritt zu beenden, wird er selbst pitschnass. Dann eilen Kellner heran und verhelfen der Dame in einen Bademantel.

Die Geschichte trug sich vor einigen Jahren zu. Und ich finde, dass sie vor allem eins zeigt: Die Frau hat Stil. Denn kein anderes Hamburger Hotel bietet eine derart perfekte Bühne für die großen und kleinen Auftritte des Alltags, Kaiser waren hier und Könige, Stars gehen ein und aus, auch James Bond kletterte hier schon übers Dach. Das Atlantic mit dem wohl schönsten Innenhof Hamburgs ist nämlich die Grande Dame unter den Hotels der Stadt. Exzentrisch und voller Erhabenheit thront sie im schneeweißen Gewand am Ufer der Außenalster. Wenngleich sie zeitweise ein wenig tüdelig wurde. Zum 100. Geburtstag vor drei Jahren etwa hat sie vergessen, sich schön zu machen. Dann lief ihr langjähriger Liebhaber davon (der Hoteldirektor), die fünf Sterne wurden ihr genommen, und der renommierte Club Leading Hotels of the World wollte sie nicht mehr. Und? Sie ist zurück! Hat sich passend zum 103. Geburtstag herausgeputzt. Und die fünf Sterne leuchten auch wieder.

Meine Sympathie für dieses Hotel konnten die Vorfälle nie trüben. Mich hat die alte Dame immer sehr herzlich empfangen. Unvergessen, der Tag, als ich einmal mit meinem Mops in der Lobby aufkreuzte, und der Kellner ganz selbstverständlich fragte, was er für mich und "den Kleinen" tun könne. Kurz danach bekam ich ein Glas Wein und der Hund eine Schüssel Rindertatar. Diesmal fahre ich mit einem 20 Jahre alten Fahrrad vor, was den Portier natürlich nicht kümmert. Zuvorkommend begleitet er mich in die Lobby.

Große Freude, denn sie wurde behutsam renoviert. Geblieben ist die hohe, stuckverzierte Decke, sind die schwarzen Lederfauteuils und der Kamin, über dem Wilhelm II. auf Majolika-Kacheln verewigt ist. Die Wände leuchten nun in einem hellen Grau statt gelb, und der neue Teppichboden in Sandbeige ist an seinen Rändern blau gesprenkelt, was aussieht, als würde Wasser an einen Strand gespült. Ein junger Mann reicht mir den Zimmerschlüssel, Gott sei Dank keine Chipkarte, dann schreite ich die Freitreppe hinter der Rezeption hinauf und laufe durch Flure, die so breit sind, dass ein Kleinwagen durchfahren könnte.

Mit einem dumpfen Wuff fällt die Tür ins Schloss. Es klingt in etwa so schön, wie wenn die Tür eines Oldtimers zufällt. Der neue Schrank im Zimmer sieht aus wie ein alter Überseekoffer, darin sind Minibar und Safe und sonst was untergebracht. Das Bett ist aus indonesischem Ebenholz. Doch der eigentliche Grund für die Gänsehaut, die mir nun über den Rücken zieht, ist der Blick aus dem Fenster: Wie ein riesiger Natursee liegt die Außenalster in dieser blauen Stunde vor mir. Gesäumt von einem Baumgürtel, das letzte Rot der untergehenden Sonne spiegelt sich im Wasser wider. Ein Bötchen dümpelt noch dahin.

Auf dem Schreibtisch liegt eine kleine Erinnerung, dass der Tisch im Restaurant für 22 Uhr reserviert ist. Ja, da muss man noch hin. Sie haben einen neuen Koch. Und sie haben Kellner der alten Schule, Herrn Arslantas zum Beispiel, charmant und lässig, einer, der nie aufdringlich um den Tisch herumscharwenzelt, der einen aber auch nicht warten lässt. Kaum hat man seinen Kopf leicht zur Seite gedreht, steht er schon neben einem. Er serviert Filet vom Seeteufel mit Blumenkohl und Bohnen und Pfirsichchutney, klingt wild, ist aber grandios, und anschließend gibt’s eine Schnitte von Buttermilch, Limette und Brombeeren.

Und für den Digestif geht’s rüber in die Bar, wo in der Ecke, wie bestellt, Udo Lindenberg sitzt. Stammgast im Hotel seit Jahren, gefühlt seit Jahrhunderten. Er kennt rauschhafte Zeiten, Exzesse, Poolpartys. Menschen über und unter Wasser. Da hat der eine oder andere der Gäste schon mal ein neues Muster auf die Hoteltapete gespien. Man muss aufpassen im Atlantic. Neben Lindenberg steht heute eine Tasse Tee. Ich verliere aber langsam die Bodenhaftung. Als ich schließlich im Bett liege, spüre ich Wellengang. Der Barmann mixt einfach verdammt gut.