DIE ZEIT : Herr Jensen, Ihre Fingernägel sind brombeerrot lackiert. Trägt man das jetzt so in Hamburg?

Bent Angelo Jensen: Leider nicht. Ich kenne außer meinem Neffen und ein paar Kids aus der Gothic-Szene keine Männer, die sich regelmäßig die Nägel lackieren lassen. Ich fühle mich damit unglaublich elegant, habe aber keine Nachahmer. In Hamburg mögen die Leute es ja eher dezent.

ZEIT: Das Klischeebild des Hamburgers zeigt einen Mann im dunkelblauen Anzug und mit goldenen Knöpfen. Seine Frau trägt Kaschmir, Perlenohrringe und, wenn sie mutig ist, eine Designerjeans.

Jensen: Konservativ muss es sein. Und Understatement ist sehr wichtig hier im Norden. Es wird nicht so mit den Marken geprotzt wie in München, was ich extrem angenehm finde. Aber das wird eben auch schnell langweilig und verkrampft. Manche dieser Hamburger Bürger kommen mir vor wie gealterte Popper. Fehlt nur noch der Aktenkoffer.

ZEIT: Warum so streng? Jil Sander hat das Hamburger Understatement sehr erfolgreich in die ganze Welt exportiert. Die Stadt galt weltweit als Inbegriff cooler Eleganz.

Jensen: Sehr schmal, sehr schlicht, sehr schön. Ich erinnere mich. In meiner Jugend waren Jil Sander und Wolfgang Joop, der andere große Hamburger Modeschöpfer, Ikonen, völlig ausgeschlossen, dass man sich deren Sachen leisten konnte. Sie haben eine Tradition begründet, in der wir jüngeren Hamburger Modemacher uns wohlfühlen. Aber man kann nicht 30 Jahre lang dasselbe machen.

ZEIT: Mit drei großen Modeschulen und etwa 160 kleineren unabhängigen Labels ist Hamburg wieder eine der deutschen Modestädte. Schauspielerinnen wie Nina Hoss und Heike Makatsch kleiden sich in Hamburg ein, auch die Kanzlerin bezieht ihre Jacketts aus einem hiesigen Atelier. Was zeichnet die Hamburger Mode heute aus?

Jensen: Wir wollen spielen. Mit Formen und Dessins der klassisch-eleganten Tradition. Blumenmuster finden Sie hier selten, kein südliches Temperament. Dennoch haben wir Mut zur Provokation, sind schnittmäßig ein bisschen avantgardistischer, und, das finde ich wichtig, wir produzieren nicht so eine Monokultur, wie sie mir in Berlin immer mal wieder wahnsinnig auf die Nerven geht.

ZEIT: Der Berliner Style ist im Moment ziemlich angesagt.

Jensen: Was, bitte schön, ist der Berliner Style? Die Kunst, möglichst fertig auszusehen und dabei lässig zu wirken. Neonfarben, ausufernde Formen und, ganz wichtig, bedruckte T-Shirts, the hippest, the latest für mindestens 120 Euro. Der sparsame Hamburger Kaufmann in mir sagt dann: Kinder, für dieses Geld kriegt ihr ein richtig gutes Hemd!

ZEIT: In Ihrer letzten Herr-von-Eden-Kampagne "1/2 wild, 1/2 child" inszenieren Sie sich tätowiert, geschminkt und mit High Heels. Eine ziemlich schrille Performance für einen Hamburger Kaufmann, der mit Maßanzügen sein Geld verdient.

Jensen: Ich weiß, ich weiß. Ich versuche bei Herr von Eden immer, den Brückenschlag zwischen dem Gediegenen und dem Wilden der Popkultur zu schaffen. Ich komme aus einer sehr traditionellen Familie, mit antiken Möbeln, dicken Teppichen, Segelsport. Aber ich habe auch Punk gehört und David Bowie. Der ist bis heute ein role model.

ZEIT: Dem würden vermutlich auch Ihre Schuhe gefallen. Seien Sie nicht böse, aber im Kino tragen so was nur Zuhälter.

Jensen: Im richtigen Leben auch! Vorne spitz und mit Absätzen, damit man größer wirkt. Die sind von Blicker auf der Reeperbahn. Die ganze Halbwelt, die Luden, Transvestiten und Huren kaufen da. Großartig. Es gibt die aufregendsten High Heels, auch in Übergrößen, und mehrfarbige Herrenschuhe. In Paris sieht man solche Läden öfter, in Deutschland kenne ich eigentlich nur Blicker. Man muss ja auch mal sagen, dass aus dem St.-Pauli-Kosmos heute modisch mehr Anregungen kommen als aus Jil Sanders feinem Pöseldorf. Mit Besuch gehe ich da immer wieder gerne hin.