Der 31. Dezember 2011 im norditalienischen Vicenza: Ein Bauunternehmer erhängt sich in seiner Firma. 28. März 2012 in Bologna: Ein Maurer zündet sich auf der Piazza vor dem Finanzamt in seinem Auto an. 21. Mai 2012 in Brescia: Ein arbeitsloser Publizist wirft seine zwei Kinder vom Balkon und springt hinterher. Er ist sofort tot, die Kinder sterben im Krankenhaus.

In Italien bringen sich seit einigen Monaten verzweifelte Menschen in aller Öffentlichkeit um. "Die Krise tötet die Italiener", titelten die italienischen Medien im Frühjahr, von "immer mehr Krisenopfern" war die Rede, als sei die Wirtschafts- und SchuldenkriseItaliens ein Tsunami, der ohne Rücksicht auf Verluste über das Land fegt, eine Naturgewalt, der man wehrlos gegenübersteht. Aber stehen die Selbstmorde, aus denen die Medien ein Spektakel machen, tatsächlich in Zusammenhang mit der Wirtschaftskrise? Sind sie eine Folge der Spar- und Reformpolitik des Ministerpräsidenten Mario Monti?

Giuseppe Campagniello kann man nicht mehr fragen. Er fuhr am frühen Morgen des 28. März auf den Parkplatz vor dem Finanzamt im norditalienischen Bologna, legte Handy und Brieftasche ein paar Meter weiter auf den Asphalt. Dann stieg er zurück ins Auto und zündete sich an. Als wenig später die Feuerwehr mit ihm ins Krankenhaus raste, war seine Haut fast vollständig verbrannt. Neun Tage später starb er.

Campagniellos Witwe sitzt auf einem schwarzen Ledersofa in ihrer Dreizimmerwohnung in einem Dorf bei Bologna und ist ziemlich wütend. "Mein Mann hat sich allein gelassen gefühlt mit seinem Problem", sagt Tiziana Marrone, sie schlägt mit Wucht ein Bein übers andere. "Der Staat hätte ihm helfen sollen mit seinem Problem und es nicht noch größer machen." Sein Problem, das waren laut italienischen Medienberichten 200.000 Euro, die er nachzahlen sollte. Seine Witwe sagt, sie wisse bis heute nicht, wie hoch die Summe gewesen sei. Ihr Mann arbeitete als selbstständiger Maurer, der seine Rechnungen falsch oder teilweise gar nicht ausgestellt haben soll. Gegen ihn wurde wegen Steuerhinterziehung ermittelt.

Nach seinem Tod tat sich Tiziana Marrone mit anderen Frauen aus Norditalien zusammen, die ihre "Männer an die Krise verloren haben", wie sie sagt, so, als wären diese im Krieg gefallen. Achtzig Menschen sollen sich in diesem Jahr aus ökonomischen Gründen umgebracht haben. Alles Männer. Und so hat Marrone einen "Marsch der Witwen" organisiert, gemeinsam zogen sie zum Tatort ihres Mannes und winkten mit weißen Taschentüchern. Unzählige Interviews hat Marrone seither gegeben, nicht nur italienischen Medien, auch dem Guardian, der BBC. Sie ist zum Kopf einer Bewegung geworden, die keinen Namen hat, aber sehr wütend ist: die der Steuerzahler, die zur Kasse gebeten werden.

Als Mario Monti vergangenen November Ministerpräsident wurde, war Italien fast pleite, Berlusconi hatte auf Drängen der Finanzmärkte endlich abgedankt. Ein radikales Sparprogramm musste her – und einer, der es durchsetzen konnte: Mario Monti, der Technokrat. Super Mario nannten sie ihn, als sollte er das Menschenunmögliche möglich machen: die Italiener dazu bringen, endlich Steuern zu zahlen. Denn Schätzungen der Finanzbehörden zufolge entgehen dem Land durch Steuerflucht etwa 130 Milliarden Euro im Jahr.

Doch viele Italiener, vor allem Selbstständige, sind es nicht gewohnt, einen Teil ihres Gehalts abzugeben. Mit dem Versprechen, sein Volk von der Steuerlast zu befreien, hatte Berlusconi etliche Wahlen gewonnen. Und nun soll alles anders sein? Eine Gewerkschaftsmitarbeiterin formuliert es so: "Es ist wie bei Kindern. Was einmal erlaubt war, kann nicht plötzlich verboten sein. Manche in diesem Land verhalten sich gerade wie Kleinkinder, die empört mit ihrem Fuß aufstampfen."

Doch manche von ihnen stampfen nicht nur wütend mit dem Fuß auf. Sie bringen sich um, wie der Maurer Campagniello. Aus Verzweiflung. Vielleicht auch aus Protest.

"Er war ein so guter Mensch, das ist alles, was zählt", das sagt Tiziana Marrone immer wieder an diesem Montagmittag. Sie schaut beim Sprechen ihrem Gegenüber selten in die Augen. Ihr blauer Schal durchbricht das Schwarz ihrer Kleidung, lila Strähnen im Schwarz ihrer geglätteten langen Haare. Die Wohnung, die sie jetzt allein bewohnt, ist gespenstisch ruhig und sauber, weiße Kacheln auf dem Boden, lediglich die Zigarettenstummel auf der Terrasse brechen dieses Bild auf. Es sind seine. Sie sagt, sie wolle sie nicht wegschmeißen.