Es ist eine seltsame Debatte, die derzeit die deutsche Hochschulwelt ergriffen hat. Ausgelöst hat sie Annette Schavan, als sie die unter dem Stichwort »Bologna« bekannte Studienreform als »europäische Erfolgsgeschichte« bezeichnete. Überschwänglich schwärmte die Bundesbildungsministerin von kürzeren Studienzeiten, von der »guten Akzeptanz« der neuen Abschlüsse Bachelor und Master auf dem Arbeitsmarkt und von einem internationalen Studentenaustausch, der lebendig sei wie nie zuvor.

Manches Detail ihrer Reformbilanz mag unnötig übertrieben gewesen sein, im Kern indes hatte die Ministerin recht mit ihrer Einschätzung. Und doch hagelte es von Studenten und Professoren reflexartig Protest gegen die »Schönfärberei«. An die Spitze der Bewegung setzte sich mal wieder Horst Hippler, der neue Präsident der Hochschulrektorenkonferenz (HRK). Seit seinem Amtsantritt Anfang Mai lässt er kaum eine Gelegenheit aus, mit der bisherigen Linie der HRK zu brechen. Die Konferenz repräsentiert über 260 Hochschulen, die Umstellung auf Bachelor und Master galt bislang als ihr Kernanliegen. Nun erklärt Hippler im Alleingang und kaum noch verklausuliert die Reform für gescheitert. Der Bachelor leiste keine universitäre Bildung; ein Studium brauche keine starren Vorschriften, sondern Flexibilität, die den Lebensentwürfen der Studenten entspreche.

Was Hipplers Vorwürfe so absurd, ja ärgerlich macht: Wer, wenn nicht die Hochschulen, wäre denn verantwortlich für die Missstände, die er da beklagt? Wer, wenn nicht die Hochschulen, könnte sie beseitigen? Wen also kritisiert der HRK-Präsident da eigentlich? Sich selbst und seine Kollegen? Grund dazu hätte er, schließlich sind in den Ingenieurwissenschaften, für die Hippler als Noch-Präsident des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) besonders verantwortlich ist, die Studienabbrecherquoten höher als irgendwo sonst.

Es ist höchste Zeit, Schluss zu machen mit diesem in regelmäßigen Abständen wiederkehrenden Bologna-Bashing. Angesichts der Tatsache, dass die Hochschulen seit den berechtigten Studentenstreiks von 2009 ziemlich viel gut und immer weniger schlecht gemacht haben, wirkt es zunehmend lächerlich. Während Hippler noch irgendein abstraktes, vermeintlich starres »Bologna« kritisiert, waren die Hochschulen nie so frei wie heute, nie so kreativ und engagiert im Umbau ihrer Studiengänge. Entstanden ist ein Angebot, das vielfältig ist und längst dem entspricht, was Hippler fordert: für jeden etwas. Ja, es gibt wahnsinnig schlechte Studienprogramme in diesem Land. Aber auch erstaunlich gute. Ob diese nun Bachelor heißen oder Diplom, ist zweitrangig. Entscheidend ist: Der Freiraum der Hochschulen, es anders, es besser zu machen, ist da.

Womöglich ist Hippler gar nicht klar, dass er mit seinen Äußerungen auf eine Spaltung der Hochschulrektorenkonferenz zusteuert. Immer mehr Rektoren fühlen sich von ihm nicht vertreten. Es sind genau jene Rektoren, die die Herausforderung von Bologna längst gemeistert haben. Von ihnen wird hoffentlich demnächst häufiger zu hören sein.