Was der Direktor des British Museum in London mit seinen Mitarbeitern auf die Beine stellte, war spektakulär: Im Jahr 2010 konnte Neil MacGregor in der BBC eine Sendereihe umsetzen, die ausschließlich auf den Objekten seines Museums beruhte – einhundert davon waren ausgewählt worden, um sie jeweils in einem viertelstündigen Rundfunkbeitrag vorzustellen. Konnte etwas, das eigentlich zum Anschauen und Anfassen gedacht war, nunmehr hörbar werden? Es klappte tatsächlich: Diese Radio -Weltgeschichte in einhundert Objekten – vom Faustkeil über zahllose Kunstschätze bis zu Kreditkarte und Solarlampe – erlangte in Großbritannien sogleich Kultstatus, sie war lehrreich und witzig zugleich; Hunderttausende hörten regelmäßig zu und kauften MacGregors daraus entstandenes Buch. In Deutschland nun versucht man den umgekehrten Weg. Seit 2011 fand hierzulande die Übersetzung fast 40.000 Käufer, ein opulent ausgestattetes, aber immerhin 40 Euro teures Werk. Tatsächlich ist es das passende Geschichtsbuch für unser globalisiertes Zeitalter, weil es MacGregor gelingt, einem breiten Publikum unterhaltsam und anschaulich die Wechselwirkungen zwischen Ländern und Epochen in ihren gesellschaftlichen, kulturellen und ökonomischen Bezügen nahezubringen. Folgerichtig war es daher, auch in Deutschland das ganze Projekt hörbar zu machen – jetzt umgekehrt, nach dem Buch also. Am Jahresende strahlt der Bayerische Rundfunk seine akustische Umsetzung aus; der Hörverlag veröffentlicht bereits jetzt die weit über tausend Minuten auf 20 CDs.

Das Ergebnis stellt als Hörbuch nicht wirklich zufrieden. Denn zwar wurde mit Hanns Zischler einer der renommiertesten Sprecher des Landes gewonnen; tatsächlich ist seine sonore Erzählerstimme von einem klaren, gleichmäßigen Ernst, der zwar die Ehrfurcht vor den herrlichen Objekten spiegelt, auch die Faszination angesichts unserer Millionen Jahre alten Kultur. Doch der launige Humor, die oft schnoddrige Ironie, die den Text – und das britische Radio-Original – so leichtfüßig daherkommen lässt, das ist Zischlers Sache nicht, obwohl er ja ansonsten oft so witzig sein kann. Hinzu kommt, dass ein schöner Einfall MacGregors, nämlich in seine Beiträge kommentierende, originelle O-Töne von Experten oder Prominenten einzuflechten – von Ex-UN-Generalsekretär Kofi Annan über die Künstler Bill Viola und David Hockney bis hin zum skurrilen Londoner Bürgermeister Boris Johnson –, nun notgedrungen an Charme verliert, weil diese Stimmen von anderen Sprechern vorgetragen werden. Und das wirkt ebenfalls nicht wirklich belebend. Allerdings wird diese Produktion im Radio womöglich besser funktionieren, weil Einzelfolgen für den Hörer leichter konsumierbar sind.

Aber seien wir jetzt nicht allzu mäklig: Wer neugierig ist und seine Konzentrationsfähigkeit noch nicht ganz verloren hat, der wird beim Hören unendlich viel lernen können – was es mit der 11.000 Jahre alten Steinfigur auf sich hat (die älteste menschliche Sexdarstellung), was nach der Erfindung des Papiergeldes in China um 1400 geschah (eine massive Geldentwertung) und weshalb das Blau auf Hokusais Holzschnitt Die große Welle um 1830 aus Preußen stammte. Auch mit den Ohren kann man erleben, dass Dinge die Kraft haben, "uns direkt mit Menschen in Verbindung zu bringen, die uns zeitlich und räumlich sehr fern sind" (MacGregor) – und diese Dinge zeigen uns, dass wir tatsächlich in einer Welt leben.