Das Einzige, was an A. L. Kennedys neuestem Roman exakt so ist, wie es auf den ersten Blick zu sein verspricht, ist die Farbe. Der Roman heißt Das blaue Buch, und es ist ein blaues Buch. Tintenblau, mit blauem Vorsatzpapier, in der englischen Ausgabe ist sogar der Schnitt blau. Doch abgesehen vom Titel ist bei diesem Buch alles Täuschung – eine Vielzahl irreführender Andeutungen, eine Anhäufung von Tricks, ein subtiles Spiel mit dem Leser, eine immer wieder "falsche" Nummerierung der Seiten sowie Zahlencodes, die die beiden Hauptfiguren des Buchs miteinander entwickelt haben und die der Leser, wenn er sich ein bisschen Mühe macht, auch selbst hin und wieder auf das Buch anwenden und ihm ein paar Geheimnisse entreißen kann.

Bereits der Anfang des Romans, der atmosphärische Hintergrund, ist eine Täuschung, denn erstmals begegnen wir der Erzählerin Elizabeth Barber, als sie im Begriff ist, eine transatlantische Schiffsreise anzutreten. Anscheinend hat ihre Geschichte irgendetwas mit einem Magier zu tun. Das lässt ans 19. oder frühe 20. Jahrhundert denken, an die Zeit der luxuriösen Ozeandampfer, der Entfesselungskünstler, Mentalistenclubs und spiritistischen Sitzungen, während deren Damen sämtlicher Altersstufen in entzückte und entrückte Ohnmachten fielen. In der Tat ist Zauberei das Thema des Romans, und doch spielt dieser Roman im Heute. Elizabeth Barber, so erfahren wir nach und nach, ist selbst viele Jahre Assistentin eines solchen Magiers oder Mentalisten gewesen, gemeinsam haben sie die vermeintlichen Geister der Verstorbenen auf der Bühne heraufbeschworen. Nun wird sie mit ihrem Freund Derek, der ihr vermutlich einen Heiratsantrag machen will, eine einwöchige Fahrt über den Atlantik unternehmen. Doch Elizabeths Aufmerksamkeit und Liebe verlagern sich im Laufe der Reise immer mehr von ihrem seekranken Fiancé in spe zu ihrem früheren Partner Arthur Lockwood, der nämlich auch an Bord des Schiffes ist.

Rückblenden erzählen die gemeinsame Zeit der beiden bis zur rätselhaften Trennung. Mal folgen wir Elizabeths Gedanken und inneren Monologen: komisch, treffend, mit Sätzen, die man ausschneiden und sich an die Wand heften möchte. Dann wieder folgt der Roman Arthurs Sicht. Und die ist nicht immer sympathisch. Denn Arthur Lockwood lebt vom Täuschen. Er täuscht Witwen, schenkt ihnen Trost (mentalistisch wie körperlich, so scheint es) und nimmt ihnen dafür Geld ab. Gewiss ist Arthur kein durch und durch "schlechter Kerl": Die moralische Gratwanderung zwischen Trösten und Manipulieren, Helfen und Ausnutzen wird ständig versucht, scheitert allerdings auch ständig.

Man bekommt den Eindruck, genau daran ist vermutlich auch die Beziehung der beiden gescheitert: Wenn ein Paar seine Zeit hauptsächlich damit verbringt, andere zu täuschen – kann es füreinander dann einen Raum für Aufrichtigkeit errichten und beibehalten? Oder kommt irgendwann der Moment, wo man zuerst einander und dann sich selbst nicht mehr ins Gesicht sehen kann?

Es macht großes Vergnügen, den Verwicklungen der beiden zu folgen und sich in dieses blaue Buch hineinziehen zu lassen, denn sogar da, wo es scheinbar nur eine Ménage-à-trois erzählt, bleibt es immer ein Buch mit einem doppelten Boden. Oft genug spricht es zu seinem Leser wie ein Mentalist, der von der Bühne aus dem Zuschauer in die Seele schaut, und dieser Zuschauer respektive Leser fragt sich schließlich: Sind Elizabeth und Arthur einer déformation professionelle erlegen, wenn sie überall Täuschung und Geheimnis sehen – oder sehen sie die Welt nicht vielmehr brutal realistisch? Will Kennedy uns vielleicht zum Misstrauen verführen gegenüber der Alltagsunterstellung, dass jedes Wort für genau dieses Wort, eine Zahl nur für diese Zahl und vor allem jede Erinnerung als Bürge für ein reales Geschehen steht? Aufrichtigkeit, so scheint es, ist eventuell etwas sehr Rares, das zwei Menschen nur unter großer Anstrengung und gleichsam gegen den Rest der Welt herstellen können.