DIE ZEIT : Herr Johansson, gerade ist im S. Fischer Verlag Ihr Roman Der Sturm erschienen. Es gibt viel Aufregung. Thomas Steinfeld, der Feuilleton-Chef der Süddeutschen Zeitung, macht Ihnen sogar die Autorschaft streitig. Was ist passiert?

Per Johanssonf: Das ist ein seltsamer Vorgang. Der Schwede, anders als der Österreicher, sagt nie: "Ich ist ein anderer." Der Schwede sagt: "Ich bin ich." Identität ist immer tautologisch.

ZEIT: Selbst der Verlag steht offenbar nicht mehr uneingeschränkt zu Ihrer Autorschaft.

Johansson: Sie müssen sich schon was einfallen lassen, wenn Sie als Debütant Erfolg haben wollen. Das haben wir getan, mehr kann ich dazu nicht sagen.

ZEIT: Wir können zumindest bestätigen, dass Sie so aussehen wie auf dem Autorenfoto.

Johansson: Lassen wir das.

ZEIT: <p> Was darf ein Kriminalroman? Was nicht? Viele nehmen Anstoß daran, dass ein Journalist ermordet wird. Ein letzter Tabubruch?

Johansson: Schon Ihre Frage ist typisch deutsch. Ihrem Land ist der Pazifismus nicht gut bekommen, alle Probleme müssen durch Kuscheln gelöst werden. Und wehe, wenn es einmal einen Journalisten erwischt. In Deutschland ist der Journalist eine heilige Kuh. Ich mag keine heiligen Kühe. Ich bin ein alter Schwede. Schon Gustav Adolf konnte Journalisten nicht ausstehen.

ZEIT: Angeblich hat der Verlag erwogen, Ihr Buch wegen des Journalistenmords sogar zurückzuziehen. Stimmt das Gerücht?

Johansson: Das müssen Sie den Verlag fragen. Ich sage dazu nur so viel: Auch das ist typisch deutsch. In Schweden gibt es das Sprichwort: Wer kuschelt, der kuscht. Kuscheln und Kuschen – das sind die beiden Enden der deutschen Volkspsychologie.

ZEIT: Ihr Buch ist in Schweden noch nicht erschienen. Warum verzögert sich die Auslieferung? Es ist doch sehr ungewöhnlich, dass zuerst die Übersetzung erscheint.

Johansson: Sie haben ein völlig falsches Bild von Schweden. Schweden ist eine Hölle der Langsamkeit. Der Schwede lebt in einer gigantischen Wellnesszone. Der Komfort macht die Menschen langsam und vorsichtig. Eine schwedische Druckerei arbeitet höchstens vier Stunden am Tag, ein Übersetzer legt nach zwei Stunden Arbeit den Stift aus der Hand und bewässert seine Marihuana-Anpflanzung. Schweden hatte eben keine Hartz-IV-Reform. Der Schwede sagt: Lieber langsam, dafür sicher.

ZEIT: Deshalb bauen die Schweden so sichere Autos.

Johansson: In nichts materialisiert sich die schwedische Psyche besser als in einem Volvo. Ein Volvo ist der kongeniale Ausdruck unser Mentalität. Lieber langweilig leben als früh sterben.

ZEIT: Entstehen deshalb in Schweden so gute Krimis? Der Krimi bringt endlich Aufregung ins Volvo-Leben.

Johansson: Ja, der schwedische Kriminalroman gewinnt seine Größe aus der Langeweile des nordischen Alltags. Deshalb fließt ständig Blut, das Leben im Krimi ist grausam und wahnsinnig intensiv. Der Kriminalroman ist der Wilde Westen der müden schwedischen Seele. Hier dürfen Sie Ihrem Todfeind noch getrost die Gurgel durchschneiden. Im wahren Leben kommen Sie schon in den Knast, wenn Sie mit Ihrem Volvo ein Plüschtier anfahren.

ZEIT: Herr Johansson, Sie leben seit einigen Jahren in Berlin.

Johansson: Ich wohne dort, wo niemand wohnen will: in der Berliner Bronx, in Wedding.

ZEIT: Der Berliner Wedding ist für Sie das Anti-Schweden?

Johansson: Absolut. Berlin ist schmutzig, verlogen, korrupt und mörderisch. In Wedding werden Menschen auf offener Straße erschossen.

ZEIT: Was sind Ihre Pläne für die Zukunft?

Johansson: Ich gehe zurück auf meinen kleinen Bauernhof in der Nähe von Osby in der Provinz Schonen. Nachdem meine Frau aus der Remise ausgezogen ist, muss ich mich dringend um Mika, Kiki und Pippi kümmern, meine kleinen Ferkel.

ZEIT: Osby ist bekannt für Holzspielzeug...

Johansson: ...und für seine Kriminalautoren.