Gibt es einen Thomas-Steinfeld-Skandal? Nachdem es vor einer Woche noch eine Mutmaßung war, hat sich der Feuilletonchef der Süddeutschen Zeitung inzwischen dazu bekannt, unter dem Pseudonym Per Johansson den Schwedenkrimi Der Sturm geschrieben zu haben, in dem eine Figur grässlich zu Tode kommt, deren Beschreibung manche Leute an den FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher erinnerte. Aber welche Leute? Nun, die lieben Kollegen in den Medien natürlich, die sogleich von "Hassorgie" und "Rufmord" zu sprechen begannen, von einer Rachefantasie, geboren aus dem Neid Steinfelds auf den Konkurrenten. Nur einer blieb in der Empörung kalt, und das war Schirrmacher selbst. Nach dem Buch befragt, erwiderte er trocken: "Ich lese keine Schwedenkrimis."

Aber die anderen leider auch nicht. Was im Falle Schirrmachers ein Zeugnis überlegener Schlagfertigkeit war, ist im Falle seiner feuilletonistischen Kollegen jedoch ein Zeugnis verantwortungsloser Schlamperei. Sie können das Buch nicht gelesen haben, denn andernfalls hätten sie bemerken müssen, dass es sich bei dem Mordopfer um eine – positive Figur handelt. Der Tote musste sterben, weil er einer Verschwörung auf die Spur gekommen war. Dass er sich dabei zweifelhafter Methoden bediente, dass sein Tod nur mittelbar mit den Verschwörern zu tun hat, ändert nichts an dem Umstand, dass er auf der Seite der Guten, als Opfer der Bösen umkommt. Das ist keine Frage der Interpretation, sondern ergibt sich aus der Struktur des Romans, an der auch der kühnste Interpret nicht vorbeikommt.

Gewiss sind die Beschreibungen der Figur nicht angenehm. Einige Passagen ließen sogar einen Beschreibungsexzess fürchten, wenn sie nicht, im Verhältnis zum Gesamttext, unter der Einprozentmarke lägen. Thomas Steinfeld hat unterdessen, als sei er Flaubert, der über seine Romanfigur Emma Bovary einmal sagte "Emma – c’est moi", in einem Interview behauptet, alle Schilderungen seien auf ihn selbst zu beziehen. Das mag sogar sein. Es ist aber gänzlich unerheblich; denn die Schilderungen betreffen nur den Charakter und das Vorleben der Figur, bevor sie in die Handlung eintritt. In der Handlung selbst ist sie, bei aller subjektiven Abneigung des Erzählers, eine objektive Heldengestalt. Dagegen zeugt nicht, dass einer der Mörder meint, "noch keinen übleren Menschen getroffen" zu haben – denn es ist ja ein Mörder, der das sagt.

Für Schirrmacher jedenfalls ist der Roman kein Skandal. Natürlich – wenn er ihn läse, würde er ihm auch nicht sympathischer als andere Schwedenkrimis werden. Aber das Buch kann seinen Ruhm nur mehren. Wenn es überhaupt einen Steinfeld-Skandal gibt, dann sind daran die Literaturjournalisten beteiligt, die das Buch ohne Lektüre verurteilten – oder aber, noch schlimmer, gegen jede intellektuelle Redlichkeit alles unterschlugen, was dem Anschein von Rache und Rufmord widerspricht. Das ist der wahre Rufmord.