Die Frage: Inga und René arbeiten in kreativen Berufen. Sie sind bald zwanzig Jahre ein Paar und haben einen Sohn, der gerade Abi macht. Bisher hat vor allem Inga betont, dass sie beide keine Spießer sind. Als vor einigen Jahren eine unvergessene Jugendliebe Inga nach Sardinien zu einem Segeltörn einlud, wünschte René ihr einen schönen Urlaub und war nicht beleidigt, als sie ihm erzählte, sie habe mit diesem Jugendfreund auch geschlafen. Vor einigen Tagen hat ihr nun René einen Seitensprung gestanden – nichts Ernstes, die Sache sei schon wieder vorbei. Inga ist über sich selbst entsetzt: Sie kann nicht mehr schlafen, hat keinen Appetit und fühlt sich nur noch elend und verlassen, so sehr sie auch gegen diese spießige Eifersucht ankämpft.

Wolfgang Schmidbauer antwortet: Kein Spießer sein zu wollen ist ein typischer Spießerwunsch. Die meisten Menschen fürchten um ihr Eigentum und wollen es beschützen. Der Kleinbürger ist das Rückgrad der Zivilgesellschaft. Wo er fehlt, klagen die Intellektuellen über diesen Mangel; wo er oft vorhanden ist, erheben sie sich über ihn. Inga sollte ihrem Kummer nicht die Selbstgeißelung hinzufügen, dass sie spießiger ist als René. Sie tut ihm nicht Unrecht, wenn sie ihm seinen Seitensprung vorhält. Vielleicht hat sie ihm mehr Geborgenheit vermittelt als er ihr; vielleicht schleppt sie kindliche Ängste mit sich herum, die ihm erspart blieben. Gefühle sind nun mal nicht logisch, und Liebende sollten sich unterstützen.